Der Schlossgeist hat den Kuchen stibitzt

Etwa so fühlt sich wohl ein Schlossgeist. Ein tolles Gefühl! Von Raum zu Raum streifen, den Bewohnern bei der Arbeit zusehen und vor allem eines: tun und lassen, wozu man gerade Lust hat.

Mario Testa
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Der Weinfelder Musiker und «Il Profondo»-Gründer Johannes Keller spielt auf einem Klavichord in der Knechtenstube des Schlosses Bachtobel. (Bilder: Mario Testa)

Der Weinfelder Musiker und «Il Profondo»-Gründer Johannes Keller spielt auf einem Klavichord in der Knechtenstube des Schlosses Bachtobel. (Bilder: Mario Testa)

Etwa so fühlt sich wohl ein Schlossgeist. Ein tolles Gefühl! Von Raum zu Raum streifen, den Bewohnern bei der Arbeit zusehen und vor allem eines: tun und lassen, wozu man gerade Lust hat. Die ersten rund 50 Personen hatten gestern die Gelegenheit, so durchs Schloss Bachtobel zu streifen und sich für rund eineinhalb Stunden als Schlossgeist zu fühlen. Sie wurden wie ich Zeuge einer einzigartigen Inszenierung, bei der Regisseur Michael Kleine sein Publikum dank einer Kombination aus altertümlicher Musik und historisch ausgestatteten Räumen in die Vergangenheit entführt.

Aus der Ferne erklingt eine Flöte

Die Reise ins frühe 19. Jahrhundert beginnt bei einem Glas Weisswein, kredenzt von Gutsherr Johannes Meier höchst persönlich, im Stall des ehemaligen Gutsbetriebs. Farbige Lampen, Gasheizstrahler und die bläulich schimmernden Displays der Smartphones, die in diesem Moment auf Ruhemodus geschaltet werden, zeugen noch von der Moderne, ansonst dominieren Hölzer und Steine, die schon vor vielen Jahren verbaut wurden, das Bild. Regisseur Kleine nimmt die Besucher einzeln bei der Hand und führt sie zum Eingang des Schlosses. Aus der Ferne erklingt eine Flöte, die Pforte ist erreicht. «Wo Türen offen sind, da gehen Sie ruhig rein. Sitzgelegenheiten sind zum Sitzen da, legen Sie sich auch ruhig auf ein Bett, wenn Sie möchten. Wo Türen zu sind, da bleiben sie geschlossen. Vorsicht vor den Schwellen.»

Rein ins Schloss und hinter mir fällt die Eingangstüre zu. Steinboden. Es ist düster. Ein Gang, viele Türen, die Treppe. Die Flöte ist nun nicht mehr zu hören, dafür ein Klavier. Es erklingt aus dem oberen Stock, der Belle Etage. Die Treppe knarzt, die Klavierklänge kommen näher. Durch einen Spalt in der Ofentüre ist ein Flackern zu sehen. Feuer im Kachelofen. Es ist warm in der Belle Etage, die Böden aus Holz, Teppich drauf. Vorbei an drei Zimmern komm ich dem Klavier immer näher. Es steht im Schlafzimmer im Südwestflügel des Schlosses. Roman Lemberg spielt Melodien von Franz Schubert auf dem Instrument aus dem Hause Kulmbach. Vor dem Bett liegen zwei Strümpfe, auf dem Bett ein Schlafanzug, eine Schlafmütze. Ich bleib stehen und lausche der Melodie. Bald bin ich nicht mehr allein mit dem Musiker im Zimmer, weitere Besucher kommen auf knarzenden Dielen herangeschlichen. Worte fallen keine, nur Musik erklingt. Beim Blick aus dem kleinen Fenster erklärt sich auch der Flötenklang im Schlosshof. Im Garten sitzt Anna Fusek auf einer Steinmauer und spielt in der Kälte und dem Grau, durch die doppelte Verglasung ist sie nicht zu hören, zu laut ist das Klavier.

Kartoffeln auf dem Tisch

Die Noten von Schubert weichen solchen mit alten Schweizer Kuhreihen. Ganz andere Melodien entlockt Lemberg nun dem Klavier. Ich mache mich auf Erkundungstour durch die Belle Etage. Im Nebenraum lockt eine weichgefederte Couch zum Verweilen, darüber hängt ein grosses, düsteres Bild an der Wand. Mehrere Schäfer und ihre Tiere sind erst beim zweiten Blick darauf zu erkennen. Eine Tür führt direkt weiter ins Esszimmer. Dort stehen die Reste des Mittagessens auf dem Tisch, die Kartoffeln in der Schüssel dampfen noch, die zwei Kerzen sind nur noch kurze Stummel. Das Klavier zwei Zimmer weiter verstummt, leise sind nun Klänge eines Klavichords auszumachen. Im nächsten Raum sind sie fast nicht mehr zu hören, gleich mehrere Uhren ticken. Ein kleine, laute steht auf dem Tisch. An der Wand schwingt in stoischer Ruh das Pendel der grossen Uhr. Tick tack tick tack. Alte Dokumente auf dem Tisch, da hat jemand Ahnenforschung betrieben.

Zurück auf den Gang, zurück zur leisen Musik. Über die gefährlich abgetretenen Holzstufen der Gesindetreppe geht es wieder eine Etage hinunter, dann einen langen Gang entlang. In der engen Knechtenstube herrscht fast schon ein Gedränge. Fünf Gäste lauschen Johannes Keller, der sein Klavichord auf dem Esstisch installiert hat und nun darauf spielt. Der Kachelofen verströmt eine wohlige Wärme, die beiden Sitzplätze auf der Holzbank davor sind besonders beliebt. Kellers Finger fliegen über die Tasten, wenig später steht er auf und verlässt den Raum. Ich bleibe, setze mich auf die verwaiste Bank und geniesse die Wärme vom Kachelofen an meinem Rücken. Schweren Schrittes erklimmt jemand die Treppe, weitere Personen sind zu hören, wie sie den Gang in der Belle Etage entlanggehen. Und plötzlich erklingt wieder die Flöte, diesmal jedoch wird sie im Schloss geblasen, nicht draussen. Und sie wird begleitet von einem Cembalo. Zwei Treppen hoch leitet mich der leuchtende Klang hoch in den Dachstock, dort, wo das Gesinde haust. Die Böden knarren, es ist kalt, kein Ofen weit und breit, dafür Spielzeug und viele Einmachgläser. Aus der hintersten Kammer ertönt die schöne Musik.

Kalte Luft aus dem Keller

Die Zeit verfliegt. Mal erklingen Harfe und Violine gemeinsam im grossen Salon – die acht Stühle sind von sieben Gästen besetzt, auf die Couch getraut sich niemand. Dezenter Applaus nach dem Schlusston – dann erklingt eine Violine ganz allein aus der Tiefe des Kellers – eine Kerze brennt dort auf einem Tisch, der Musiker ist nicht zu sehen. Die Kellertür ist nur ein Spalt weit offen, kalte Luft zieht herauf – und wieder später spielen Flötistin und Violinistin, gemütlich auf einem Bett sitzend, ein Duett. Zwei Räume weiter liegen Kuchenkrümel auf den Tellern, leergetrunkene Weingläser stehen daneben. Obwohl sich rund ein Dutzend Gäste im Schloss tummeln, treffe ich auf meinen Streifzügen durch die Gänge meist niemanden an.

Dann kommt's zum grossen Finale. Zum ersten Mal kündigen die Musiker es an, während sie, die Instrumente in der Hand, auf den Dachboden steigen. Im kalten, dunklen Raum stehen sie wenig später zu fünft um das laute Harmonium, singen. Dann steigt die Flöte ein, dann die Violine. Es klingt wunderbar und dann ist's plötzlich vorbei. Applaus. Raus aus dem Schloss in die Kälte, raus in die Gegenwart.

In der gelben Stube wurde eben erst der Nachtisch verspeist. Kuchenkrümel, Servietten und Weingläser zeugen vom Mahl.

In der gelben Stube wurde eben erst der Nachtisch verspeist. Kuchenkrümel, Servietten und Weingläser zeugen vom Mahl.

Violinistin Eva Saladin und Flötistin Anna Fusek spielen ein Duett von Georg Philipp Telemann in einem Schlafzimmer der Belle Etage.

Violinistin Eva Saladin und Flötistin Anna Fusek spielen ein Duett von Georg Philipp Telemann in einem Schlafzimmer der Belle Etage.