Der Schatzsucher von Weinfelden

Heinz Hamann ist in friedlicher Absicht unterwegs. Obwohl er mit seinem Metalldetektor und dem geschulterten Spaten fast gfürchig aussieht. Er sucht im Boden nach Münzen, Beilen und Scherben, und er findet sie auch. Esther Simon (Text) und Reto Martin (Bilder) begleiteten ihn.

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Heinz Hamann mit Metalldetektor und geschultertem Spaten an der Bienenstrasse in Weinfelden. Hier fand er vor Jahren eine grössere Ansammlung römischer Münzen aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Heinz Hamann mit Metalldetektor und geschultertem Spaten an der Bienenstrasse in Weinfelden. Hier fand er vor Jahren eine grössere Ansammlung römischer Münzen aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

WEINFELDEN. Eigentlich ist Heinz Hamann ja Kunstmaler, und er arbeitet im Friedheim in Weinfelden als Betreuer von behinderten Kindern. Irgendeine unerklärliche Kraft treibt ihn aber immer wieder raus, auf Wiesen und Felder in der wärmeren Jahreszeit, in Gewässer mit niedrigem Wasserstand im Winter, auch dorthin, wo Bagger stehen. Denn an diesen Orten gibt es meist das zu holen, was Hamann sucht: alte Münzen, Nägel, Scherben. Hinterlassenschaften unserer Vorfahren.

Stücke gehören dem Kanton

Der 51-Jährige sucht und findet schon seit seiner Jugend. Er hat es weit gebracht. Seit über 20 Jahren ist er ehrenamtlicher Mitarbeiter des Amts für Archäologie des Kantons Thurgau. Ehrenamtlich heisst, er bekommt nichts für seine Arbeit, und einen gefundenen Schatz darf er erst recht nicht behalten. Der gehört dem Kanton. Doch das macht Hamann nichts aus. «Die Schissfreud, wenn ich etwas finde, reicht.» Und wenn der Kantonsarchäologe Hansjörg Brem sagt, dass Hamann ein Altmeister seines Gewerbes sei, dann ist die Welt ohnehin in Ordnung. «Was Hamann bringt, ginge sonst verloren», sagt Brem anerkennend.

Vor 15 Jahren fand Hamann eine keltische Kleinsiedlung im Gebiet Egelsee in Weinfelden. Er zuckt mit den Schultern. «Die Kelten wussten halt, wo gutes Bauland ist.» An der Bienenstrasse in Weinfelden stiess er auf einen grossen Münzschatz. Zufall? Wenn man Hamann zuhört, könnte man es fast meinen.

Als Spezialist im Einsatz

«Ich suche nicht in der Hoffnung, dass ich etwas finde. Wer nicht suchet, der findet. Ich bin kein Jäger, ich bin ein Sammler.» Trotzdem ist ihm bei der Suche die Anspannung ins Gesicht geschrieben. Aber er ist nicht aufgeregt. «Das Zeug liegt nun schon seit 2000 Jahren im Boden. Jetzt kommt es auf die Sekunde auch nicht mehr an.»

Der Detektor gibt viele unterschiedliche, eigenartige Töne von sich. Hamann kennt sie alle. Bierdosenziehlaschen geben ein schrilles Signal, Aluminium klingt eher tief, Bronze gibt einen mittleren Ton, und wenn der Detektor fein und hoch piepst, dann heisst das, dass Hamann auf Schrott gestossen ist. Oder auf eine keltische Silbermünze.

Manchmal kommt Hamann als Spezialist zum Einsatz, mit kantonalem Auftrag, wie zum Beispiel vor dem Bau des Girsbergtunnels bei Kreuzlingen. «Dann gehe ich schon mit einer anderen Einstellung an die Arbeit», sagt er. «Dann will ich etwas finden, um den Auftrag zu rechtfertigen.»

Ein mühseliges Leben

Hamann stellt sich oft vor, wie das Leben der Menschen war, von denen er Münzen und Nägel findet – in Weinfelden, aber auch beim Inseli Werd. «Die waren ja so arm, hatten ein mühseliges Leben und starben jung. Das gibt mir immer wieder zu denken.» Das Wissen über die verschiedenen Zeitalter hat er sich selber angeeignet, wohl auch angespornt vom verstorbenen Weinfelder Lokalhistoriker Hermann Lei. «Ich habe mich ja früher immer als dessen Mitarbeiter ausgegeben», sagt Hamann. Was natürlich nicht stimmte. Hamann weiss, dass schon vor Tausenden von Jahren Menschen in unserer Region lebten. Und er weiss, dass er einer von vielen ist in einer langen Reihe von Suchern und Findern. 1864 zum Beispiel konnte Gottlieb Brack, der von 1857 bis 1900 evangelischer Pfarrer in Weinfelden war, dem Museum in Frauenfeld einen Steinhammer überreichen.

Nichts gefunden

Wenn Leute ihn sehen, sprechen sie ihn an. Hamann gibt dann gerne Auskunft. «Es ist schön, wenn sich jemand für die Arbeit interessiert.» Gräber der ersten Bewohner zu finden, das wäre Hamanns Traum. Wobei er schon finden meint, aber nicht finden sagt. Die Gräber orten wolle er. «Ich habe einen zu grossen Respekt vor der Totenruhe.» Eine Idee, wo die Gräber sein könnten, hat er jedenfalls seit langem. Übrigens: Auf der Tour mit der Thurgauer Zeitung hat Hamann nichts gefunden. Das wäre wohl des Guten zu viel gewesen.

Der Thurgauer Kantonsarchäologe Hansjörg Brem zeigt eine römische Münze aus den Jahren 175 bis 192 nach Christus. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Der Thurgauer Kantonsarchäologe Hansjörg Brem zeigt eine römische Münze aus den Jahren 175 bis 192 nach Christus. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Dieses technische Gerät findet Gegenstände unserer Vorfahren: Der Metalldetektor von Heinz Hamann. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Dieses technische Gerät findet Gegenstände unserer Vorfahren: Der Metalldetektor von Heinz Hamann. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

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