Der Pater wird zum Gigolo

Zwei Tage vor der Premiere der Schlossfestspiele Hagenwil fällt Hauptdarsteller Jan Opderbeck aus gesundheitlichen Gründen aus. Eine Umbesetzung und die Hilfsbereitschaft eines Schauspielkollegen aus Eisenach retten die Premiere.

Rita Kohn
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Falk Döhler ist in die Rolle des John Worthing geschlüpft. Hier im Gespräch mit Pfarrer Chasuble (dargestellt von Marcus Coenen), den er in der ursprünglichen Besetzung spielen sollte. (Bild: Peter Käser)

Falk Döhler ist in die Rolle des John Worthing geschlüpft. Hier im Gespräch mit Pfarrer Chasuble (dargestellt von Marcus Coenen), den er in der ursprünglichen Besetzung spielen sollte. (Bild: Peter Käser)

HAGENWIL. Ja, er sei erschrocken. Florian Rexer wischt sich den Schweiss von der Stirne. Es ist aber nicht der Schreck über den Ausfall eines seiner Hauptdarsteller, sondern die Temperaturen der tropischen Nacht und das Licht der Scheinwerfer, was ihn zum schwitzen bringt. Es ist Mittwoch, kurz vor Mitternacht. Die letzte Probe vor der Premiere ist soeben über die Bühne gegangen. Eine Probe ohne Jan Opderbeck, der die Hauptfigur John Worthing hätte darstellen sollen. Auch bei der Premiere von gestern fehlte Opderbeck. Er wird frühestens ab dem kommenden Wochenende wieder spielen.

«Es geht mir wieder besser», sagt Jan Opderbeck, der heute aus dem Spital Stockach nach Hause entlassen wird. Eine Blinddarmentzündung hat den Schauspieler kurz vor der Premiere in die Knie gezwungen. «Die Operation am Dienstag ist aber reibungslos verlaufen. Nun freue ich mich auf meine gewohnte Umgebung zuhause», sagt der Mime am Donnerstag.

In Gedanken dabei

Mehrere Wochen lang hat sich das Ensemble von «Ernst sein ist alles oder Bunbury» intensiv auf die Schlossfestspiele vorbereitet. Ein wenig Wehmut macht sich bei Jan Opderbeck breit, weil er nicht an der Premiere dabei sein konnte. «Es ist ein schwieriger Moment für mich. Aber ich bin auch stolz auf die Jungs, die das geschaukelt haben», sagt er.

Florian Rexer atmet nach der Generalprobe auf. «Es klappt alles.» Niemandem im Publikum ist aufgefallen, dass das Ensemble an diesem Abend eine Höchstleistung gebracht hat. «Noch sitzen nicht alle Textstellen genau. Das heisst, alle müssen mitdenken, damit sie ihren Einsatz nicht verpassen, wenn ein Satz etwas anders daher kommt.»

Sofort eingesprungen

Davon erfahren, dass es seinem Hauptdarsteller nicht so gut geht, hat Florian Rexer im Laufe des Montags. «Ich habe mir Gedanken gemacht, wen wir als Ersatz holen könnten.» Er sei in Gedanken alle Schauspielkollegen durchgegangen, die kurzfristig zur Verfügung stehen.» Dabei ist er auf Marcus Coenen gekommen, mit dem er die Schauspielschule besucht hatte und der heute Leiter des Theaters Eisenach ist. «Er war gerade in Holland im Urlaub, als ich ihn erreichte», sagt Florian Rexer. Lange bitten liess sich Marcus Coenen nicht. Er setzte sich unverzüglich ins Auto und fuhr nach Hagenwil.

«Ich habe vorgesehen, ihn in der Rolle von John Worthing einzusetzen», sagt Rexer. Aber der Blick auf den Textumfang dieser Rolle machte das Unterfangen zunichte. 80 Seiten Text: Das ist auch für einen Profi zu viel, um es innerhalb von gerade mal zwei Tagen einzustudieren. «Wir mussten eine andere Lösung finden. Zum Glück hatten wir zwei Tage Zeit, das ist viel beim Theater.»

Nun steht Falk Döhler als John Worthing auf der Bühne. Der junge Schauspieler hätte im Stück den Pfarrer Chasuble spielen sollen. Das sei für alle eine gute Variante. «Er sagte zu mir: Flo, Du bist nicht unschuldig daran, dass ich den Worthing übernehmen kann. Wir haben so viele Durchläufe gemacht, dass ich das Stück praktisch auswendig kenne», schildert Florian Rexer mit einem Lachen.

«Das ist Freundschaft»

Eine Nacht und einen Tag lang hat Florian Rexer mit den Betroffenen durchgearbeitet, um auf die Premiere hin bereit zu sein. Dass Marcus Coenen so schnell eingesprungen ist und solange da bleibt, bis Jan Opderbeck wieder einsatzbereit ist, ist für Florian Rexer ein Zeichen von echter Freundschaft. «Das ist nicht selbstverständlich.» Immerhin geht der Regisseur von zwei Wochen aus, bis der Hauptdarsteller wieder auf der Bühne stehen kann. Natürlich würde sich diese Situation auch finanziell bemerkbar machen. «Wir müssen einen weiteren Schauspieler bezahlen. Aber wir haben für solche Notfälle Reserven geschaffen.» Die Premiere abzusagen und ein paar Vorstellungen ausfallen zu lassen, sei aber nie Thema gewesen.

Wenn sich gar keine andere Lösung ergeben hätte, wäre der Regisseur selber in eine der Rollen geschlüpft. «Aber da wir gleichzeitig das Kinderstück <Der gestiefelte Kater> einstudieren, wäre das kaum zu bewältigen gewesen.» Das Kinderstück der Schlossfestspiele Hagenwil wird am Mittwoch nächster Woche Premiere feiern und befindet sich gerade im letzten Feinschliff.

Jan Opderbeck Hauptdarsteller bei den Schlossfestspielen Hagenwil (Bild: Schlossfestspiele/Damian Imhof)

Jan Opderbeck Hauptdarsteller bei den Schlossfestspielen Hagenwil (Bild: Schlossfestspiele/Damian Imhof)

Florian Rexer Regisseur der Schlossfestspiele Hagenwil (Bild: Schlossfestspiele/Damian Imhof)

Florian Rexer Regisseur der Schlossfestspiele Hagenwil (Bild: Schlossfestspiele/Damian Imhof)