Der Mann mit der weissen Fahne

Der Arboner Hotelierssohn Max Daetwyler demonstrierte zeitlebens für den Weltfrieden. In Bern bis Berlin, von Moskau bis Washington. Seine pazifistische Mission begann 1914. Max Eichenberger über den Mann, der nach der Mobilmachung in Frauenfeld den Fahneneid verweigerte.

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«Friedensapostel Max Daetwyler mit weisser Fahne», Porträt von Varlin (Willi Guggenheim, 1900–1977) als Kopie im Schloss Arbon, Historisches Museum. Das Original befindet sich im Kunsthaus Aarau. (Bild: Max Eichenberger)

«Friedensapostel Max Daetwyler mit weisser Fahne», Porträt von Varlin (Willi Guggenheim, 1900–1977) als Kopie im Schloss Arbon, Historisches Museum. Das Original befindet sich im Kunsthaus Aarau. (Bild: Max Eichenberger)

ARBON. «Ihr Lebenswerk besteht darin, dem Deutschen Volk zum Heil zu verhelfen, (…) zu dienen. Darum wird es zu Ihrer ersten Aufgabe gehören, den heutigen Krieg zu liquidieren.» Diesen Brief schrieb der damals 54jährige Friedensapostel Max Daetwyler 1940 an den Reichsführer Adolf Hitler. Und bot ihm auch ein Treffen an («Ich werde mir gerne die Mühe nehmen, Sie aufzusuchen») – wozu es allerdings nicht gekommen war.

Der Arboner Museumsverwalter Hans Geisser hortet stapelweise Dokumente, Bilder, Zeitungsausschnitte. Er zeigt eine Miniaturkopie der Statue, die in Zumikon an den Arboner Friedensapostel erinnert. Im Hotel Baer au Lac, wo heute das Metropol (noch) steht, wuchs Daetwyler mit neun Geschwistern auf. Später arbeitete er als Kellner. Doch berufen fühlte er sich zum Einsatz für den Frieden. Bis in seine alten Tage.

«Nieder mit dem Stacheldraht»

Max Daetwyler demonstrierte auf dem Roten Platz in Moskau, bis man ihm abschob. Er war in Washington mit seiner legendären, an einem Stock befestigten weissen Fahne, wollte im Weissen Haus den Präsidenten treffen. Daetwyler warb in Havanna für ein «neutrales Kuba wie die Schweiz», lief zu Fuss nach Berlin, mit Regenschirm, Aktentasche, Rucksack und seiner obligaten Fahne. Auf dem Platz der Republik veranstaltete er eine Kundgebung und forderte: «Nieder mit dem Stacheldraht!» In Paris demonstrierte der hagere Mann gegen Charles De Gaulles Algerienpolitik. Zuletzt zog Daetwyler gegen den Rüstungswahnsinn zu Felde.

Original und Querkopf

Frieden stiften – das war die Triebfeder des kauzigen Einzelkämpfers, der mit seinen Aktionen Aufsehen erregte, dafür aber auch belächelt wurde. Als Max Daetwyler am 26. Januar 1976 in Zumikon verstorben war, schrieb die Depeschenagentur in der Todesnachricht vom «wohl bekanntesten helvetischen Original». Er galt als Querkopf, der unbeirrt seinen eigenen Weg ging. «Wir hatten uns mit dem seltsamen, starrsinnigen, aber nie gewalttätigen Mann abgefunden. Indem wir ihn zum <helvetischen Original> abqualifizierten, dispensierten wir uns vom Gehalt dessen, was Daetwyler meinte und lebte», schrieb der Publizist Alfred A. Häsler.

Im elterlichen Hotel Baer au Lac am See in Arbon aufgewachsen, half der Schüler dem im Hause logierenden König von Württemberg die Kegel aufstellen. Und träumte von einer «Bodensee-Republik». Der Aufstand der Buren gegen den englischen Imperialismus hat sein politisches Bewusstsein geweckt.

Ekel vor Kriegsbegeisterung

Max Daetwyler lernte Kaufmann, arbeitete dann aber als Kellner. Auch weg von zu Hause in Rom, Paris und London. In Bern übernahm er 1912 den «Ratskeller», auferlegte sich eine disziplinierte Lebensführung, machte gymnastische Übungen. In der Körperkraft sah er den Schlüssel zu einem starken Willen. Als Gerant erlebte Daetwyler den Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Einen Laib Käse legte er sich als Vorrat an. Dem Aufgebot zur Generalmobilmachung nach Frauenfeld folgte er zwar – missmutig und sich ekelnd vor der «Kriegsbegeisterung der Thurgauer Truppen». Ihm sei klar gewesen, dass die christliche Lehre das Töten verurteile – und damit auch das Instrument der Armee, schrieb Daetwyler in seinen Aufzeichnungen. Er bekundete aus innerer Überzeugung Abscheu vor dem Krieg.

Das Nein auf dem Kasernenplatz

Als das Füsilier-Bataillon 75 am 5. August 1914 um 11.30 Uhr auf dem Frauenfelder Kasernenplatz versammelt wurde, trat Max Daetwyler plötzlich aus der Reihe und erklärte: «Ich demonstriere gegen den Krieg und werde den Eid nicht leisten.» Er rechnete, vor ein Militärgericht gestellt zu werden, landete aber in der Irrenanstalt Münsterlingen, blieb vier Monate interniert. Er sei ein «Psychopath», ergab die psychiatrische Begutachtung.

Daetwyler protestierte dagegen, dass man einen Kriegsgegner einfach so zum Narren mache. Als «bedingt zurechnungsfähig» erklärt, entging er einer militärgerichtlichen Verurteilung, wurde stattdessen für dienstuntauglich befunden und aus der Armee ausgemustert.

Von Jeanne d'Arc verzaubert

«Ich war geächtet und sollte es mein Leben lang bleiben», hielt der Pazifist in seinen Tagebuchblättern fest. Als geisteskrank abgeschrieben zu werden, sei «gleichbedeutend mit einem Todesurteil über das geistige, moralische Leben des Betreffenden». Max Daetwyler las den englischen Moralisten Samuel Smiles, liess sich von Jeanne d'Arc und deren Glaubenskraft verzaubern und hatte einen «sonderbaren Einfall», kritzelte er am 14. September 1915 in sein Tagebuch: «Es müsste einem einzigen Manne gelingen, den Frieden in Europa wieder herzustellen, wenn es ein gottesfürchtiger Mann wäre. Und komisch: als sollte mir eine solche Aufgabe gestellt sein.» Diese stellte er sich lebenslang – und neutralisierte Selbstüberschätzung immer wieder durch Selbstironie. «Es ist nicht wahrscheinlich, dass ich meinen Zweck erreiche – aber es ist meine Aufgabe, zu tun, was in meinen Kräften steht.»

Sein Bruder Alfred, der den «Ratskeller» inzwischen führte, hatte Max als Küchengehilfe entlassen. Dieser gründete als Einzelkämpfer seine «Friedensarmee», verfasste und verteilte Broschüren, Schriften und Flugblätter. Die organisierte Friedensbewegung verfolgte seine Aktivitäten als «Individual-Pazifist» mit gemischten Gefühlen. So etwa auch den Auftritt im März 1916 im Nationalratssaal, als er als Besucher seine Tenorstimme erhob, ehe er aus dem Saal gewiesen wurde. Umgekehrt hatte es Daetwyler weniger mit den traditionell Friedensbewegten, «weil von dieser Seite nichts geleistet wird».

Eine Demo und vier Tote

Und selber juckte es ihn, als er mal die Geduld zu verlieren schien, auch nach Taten: Er propagierte die Schliessung der Munitionsfabriken und schloss dabei gewaltsame Mittel nicht aus. Es blieb bei dem einen Ausscheren aus dem Prinzip Gewaltlosigkeit. Bei der Kundgebung wurden Daetwyler und einige Mitstreiter verhaftet. Es kam zu Protestaktionen gegen deren Inhaftierung. Militärtruppen schossen in die Menge, vier Menschen kamen um. Nach zwei Monaten Untersuchungshaft kam Daetwyler in die Anstalt Burghölzli. Der Gutachter befand: «geistig nicht normal». Daetwyler machte nach der Entlassung unbeirrt weiter und forderte 1920 schon als Vorreiter der GSOA eine Initiative «zur Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht».

DDR-Volkspolizei schob ihn ab

Dann, über Jahrzehnte hin, marschierte Max Daetwyler los in die Welt hinaus als Wanderprediger für den Frieden. Er trug die abgegriffene Mappe mit seinen Schriften mit, die weisse Fahne immer dabei – in den letzten Jahren als weissbärtiger Mann mit schwarzem Hut. Seine Ideale im Herzen. Überall in den Hauptstädten verkündete er die «Botschaft der Liebe und des Friedens». Manchmal geriet er in Haft, 1956 zum Beispiel in Wien. Er ging auch von Tür zu Tür, klapperte Zeitungsredaktionen ab. 1959 marschierte der Mann mit der weissen Fahne, schon 73jährig, nach Berlin. Er predigte «für ein freies geeintes Deutschland». Versuche, mit DDR-Staatschef Walter Ulbricht zusammenzutreffen, endeten jeweils mit der Abschiebung durch die Volkspolizei. Es folgte ein weiterer Berlin-Besuch.

Nelken für Jackie Kennedy

Daetwyler sammelte Geld für eine Reise, die ihn 1961 in die USA führte. Von New York machte er sich zu Fuss auf nach Washington und verkündete: «One God, One Sun, One Earth, One Fatherland of Men!» Die Hoffnung, US-Präsident John F. Kennedy zu treffen, erfüllte sich nicht. Nachdem Daetwyler in Havanna abgeschoben worden war, rief er sich in Miami zum Präsidenten der «neuen provisorischen Regierung für ein freies, neutrales Kuba» aus. Zunehmend reagierte das Bundeshaus in Bern genervt ob der unberechenbaren Auftritte des helvetischen Friedensapostels. Als er den Botschafter anweisen wollte, First Lady Jacqueline einen rotweissen Nelkenstrauss zu überreichen, soll es dem diplomatischen Corps den Nuggi rausgehauen haben. Es sei jetzt Zeit für seine Heimreise.

Ernüchtert und enttäuscht

Die trat Daetwyler dann selber an – mehr ernüchtert und enttäuscht, weil er «überall auf Ablehnung» stosse und angepöbelt werde, vertraute er seinem Tagebuch an. Sein letzter geistiger Kampf galt dem atomaren Rüstungswahnsinn. Am 26. Januar 1976 verstarb Max Daetwyler in Zumikon. Zu seinen Ehren steht dort eine lebensgrosse Statue des Mannes, mit der weissen Fahne, die zu seinem Markenzeichen wurde.

Max Daetwyler 1964 auf dem Roten Platz in Moskau. (Archivbild: Historisches Museum im Schloss Arbon)

Max Daetwyler 1964 auf dem Roten Platz in Moskau. (Archivbild: Historisches Museum im Schloss Arbon)

Der Mitbegründer des Seeclubs Arbon 1975 an der Bootshaus-Einweihung. (Archivbild: Henk Van der Bie)

Der Mitbegründer des Seeclubs Arbon 1975 an der Bootshaus-Einweihung. (Archivbild: Henk Van der Bie)

Eine lebensgrosse Statue erinnert in Zumikon an den Friedensapostel. (Bild: Max Eichenberger (Miniatur-Kopie im Historischen Museum im Schloss Arbon))

Eine lebensgrosse Statue erinnert in Zumikon an den Friedensapostel. (Bild: Max Eichenberger (Miniatur-Kopie im Historischen Museum im Schloss Arbon))