Der Manager ist nun ganz Maler

BISCHOFSZELL. Aurelio Wettstein wollte Künstler werden. Doch er war gezwungen, einen «anständigen Beruf» zu lernen. Er wurde Personalchef des grössten Bischofszeller Unternehmens. Nach der Pensionierung hat er mehr Zeit für seine Leidenschaft.

Urs Bänziger
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Aurelio Wettstein hat jetzt nicht nur in der Nacht, sondern den ganz Tag Zeit zum Malen. (Bild: Reto Martin)

Aurelio Wettstein hat jetzt nicht nur in der Nacht, sondern den ganz Tag Zeit zum Malen. (Bild: Reto Martin)

«Jetzt habe ich die Zeit, um die Nacht zum Tag zu machen», sagt Aurelio Wettstein mit einem Lächeln. Er meint damit nicht seine berufliche Tätigkeit, sondern sein Hobby oder treffender ausgedrückt: seine grosse Leidenschaft, das Malen.

Nach seiner Pensionierung kann sich der Bischofszeller ganz seinem Kunstschaffen und seiner Familie widmen. Den Schlüssel für sein Büro in der Bischofszell Nahrungsmittel AG, der Bina, hat er abgegeben, die Abschiedsfeiern sind vorüber.

Über 30 Jahre in der Bina

Über 30 Jahre war Wettstein Personalchef der Bina. Er macht nicht den Eindruck, als sei mit der Pensionierung der Lebensinhalt verlorengegangen. «Ich bin dankbar und blicke gerne auf die Zeit in der Bina zurück. Aber ich bin ein Mensch, der nach vorne schaut und versucht, seine Zukunft positiv zu gestalten.»

Aurelio Wettstein hätte gerne das Kunstschaffen zu seinem Beruf gemacht. Das Schicksal hat es anders gemeint mit ihm. «Mit 17 wurde ich Vollwaise. Sich der Kunst zu widmen, lag finanziell nicht drin. So musste ich halt einen sogenannten anständigen Beruf lernen.»

1981 ist Wettstein mit seiner Gattin Hanni nach Bischofszell gezogen. «Wir haben uns hier schnell wohl gefühlt.» Die Bina habe sich damals in einer Umbruchphase befunden. «Es war der Beginn des grossen Wandels von Konservierungs- zu Frischeprodukten.»

Rund 2500 Personen angestellt

Für den Personalchef hatte die rasante Entwicklung zur Folge, dass er mehr und mehr Mitarbeiter anstellte. «Die Bina benötigte nicht nur mehr Leute in der Produktion, sondern auch für die Logistik, den Verkauf, das Marketing sowie für die technologische Entwicklung mussten Fachkräfte her.» Als Wettstein in die Bina eintrat, waren es rund 600 Mitarbeiter und 150 Saisonniers. Heute beschäftigt das grösste Unternehmen in der Region keine Saisonniers mehr, dafür ist die Zahl der Mitarbeitenden auf über 900 gestiegen. Wettstein hat die Anstellungen nicht gezählt. «Aber so gegen die 2500 Personen sind es gewesen, die ich in den über 30 Jahren als Personalchef angestellt habe.»

Er hat nicht nur Arbeitsverträge unterschrieben, sondern musste auch Kündigungen aussprechen. «Wenn dies der Fall war, dann entweder wegen dem persönlichen Verhalten eines Mitarbeiters oder aus organisatorischen Gründen», sagt Wettstein. «Ich habe als Bina-Personalchef einige Hochs und Tiefs erlebt. Bei alldem bin ich froh darüber, dass es in dieser Zeit nie zu Massenentlassungen oder Entlassungen aus wirtschaftlichen Gründen gekommen ist.»

Nicht nur Freunde gemacht

Aurelio Wettstein hat sich als Personalchef eines Grossunternehmens nicht nur Freunde gemacht. «Die Zahl der Leute, die glauben, dass du sie ungerecht behandelt hast, erhöht sich von Jahr zu Jahr. Als Personalchef musst du in diesem Spannungsfeld zurechtkommen und fähig und gewillt sein, auch unpopuläre Entscheide zu fällen.» Nahe gegangen seien ihm tragische Schicksale von Mitarbeitenden.

Zur Aufgabe Wettsteins gehörte auch die Öffentlichkeitsarbeit. Er schlug sich mit aufdringlichen Medienleuten herum und vertrat als Mitglied der Geschäftsleitung die Interessen des Unternehmens in der Standortgemeinde. Nach seiner Pensionierung ist niemand mehr aus der Bina-Geschäftsleitung in Bischofszell wohnhaft. Das war früher anders. Das Kader wohnte und engagierte sich in der Stadt: in Vereinen, in der Politik oder für die Schule. Wettstein war acht Jahre Primarschulpräsident und ist OK-Mitglied der Rosen- und Kulturwoche.

Aufeinander zugehen

Dass er quasi der letzte Mohikaner sei, müsse für die Bina und für Bischofszell kein Nachteil sein, sagt Wettstein. In Volksentscheiden wie dem Nein zum Holzkraftwerk oder zum Kreiselbau im Sittertal habe er das Gefühl gehabt, dass nicht allen Bischofszellern der Wert und die Bedeutung der Bina für ihren Wohnort bewusst sei. «Ich wünsche mir, dass auf beiden Seiten die Verantwortlichen so aufeinander zugehen, dass alle, die Mitarbeiter des Unternehmens und die Bevölkerung, profitieren können.»