Der kleine Unterschied macht's

«Ich krieg drei Brötchen» oder «Ich hätte gerne drei Brötli»? Deutsche und Schweizer sprechen nicht immer die gleiche Sprache. Ihr Zusammenleben in Kreuzlingen thematisierte die SP in einer interessanten Gesprächsrunde.

Urs Brüschweiler
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«Grüezi Deutschland» war der Titel des SP-Stadtgesprächs: Es diskutierten die städtische Integrationsbeauftragte Zeljka Blank-Antakli, Claudia Tischow, die aus Leipzig stammt, Parteipräsident Cyrill Huber sowie das Ärzte-Ehepaar Veronika Färber und Eckhard Freund, einstige Kölner. (Bild: Nana do Carmo)

«Grüezi Deutschland» war der Titel des SP-Stadtgesprächs: Es diskutierten die städtische Integrationsbeauftragte Zeljka Blank-Antakli, Claudia Tischow, die aus Leipzig stammt, Parteipräsident Cyrill Huber sowie das Ärzte-Ehepaar Veronika Färber und Eckhard Freund, einstige Kölner. (Bild: Nana do Carmo)

KREUZLINGEN. «Wir haben hier Wurzeln geschlagen.» Das sagen sowohl Claudia Tischow als auch Veronika Färber und ihr Mann Eckhard Freund. Sie sind Deutsche und leben in Kreuzlingen, wie mittlerweile über 5000 andere auch. Die SP-Ortspartei hatte sie stellvertretend für ihre Landsleute am Mittwochabend zum Stadtgespräch in den Torggel Rosenegg eingeladen. Moderater Cyrill Huber wollte mit ihnen für die rund 30 Zuhörer ergründen, warum in den letzten Jahren so viele Deutsche nach Kreuzlingen gezogen sind und welche Erfahrungen sie hier gemacht haben. Die städtische Integrationsbeauftragte Zeljka Blank-Antakli – selber Deutsche – berichtete ebenfalls aus ihrem reichhaltigen Erfahrungsschatz.

Integration über die Hobbies

«Ich habe lange gebraucht, bis ich mich hier wohl gefühlt habe», sagte Claudia Tischow. Sie kam im Sommer 2009 aus Leipzig nach Kreuzlingen. Sie folgte ihrem Mann, der hier eine Stelle als Informatiker gefunden hatte, mit den Kindern. «Ganz zu Hause fühle ich mich noch nicht, aber ich will nicht wieder zurück. Es geht uns wunderbar.» Das Ehepaar Eckhard Freund und Veronika Färber lebt schon bald 20 Jahre in der Schweiz und befindet sich in der Einbürgerungsphase. Beide sind Ärzte. «Aufgenommen wird, wer sich anbietet», sagt der Vater von zwei Kindern. «Die Integration läuft vor allem über Hobbies.» Er spielt Tennis und macht Musik.

Zeljka Blank kennt die Situation der Zugezogenen aus eigener Erfahrung und von ihrer Arbeit. Es gelte im Prinzip, je weiter die Menschen herkommen, desto schwerer ist es für sie. «Am Anfang sieht hier alles aus wie aus dem Bilderbuch, aber dann merkt man, dass das soziale Umfeld der Heimat doch fehlt.» Der Trend sei, dass viele wieder zurückgingen. Im grossen und ganzen laufe die Integration aber besser, als man denke. Allein die schiere Anzahl der Deutschen führe automatisch dazu, dass es auch mal zu Reibungen komme. «Der kulturelle Unterschied zwischen Schweizern und Deutschen ist dann doch grösser als erwartet.»

Zu schnell und zu fordernd

Über die kleinen Eigenheiten diskutierte die Gruppe lange. Als Beispiel zur Veranschaulichung verwendeten die Gesprächsteilnehmer die Brötchen-Bestellung beim Bäcker. Ein Deutscher bestelle gerne mal etwas forsch: «Ich krieg drei Brötchen.» Schweizer hingegen ordern mit dem Satz «Ich hätte gerne drei Brötli.»

Direktheit, Dominanz, Deutlichkeit seien bei Deutschen eher zu hören, ist Eckhard Freund aufgefallen. Schweizer gingen respektvoller und zurückhaltender miteinander um. Solche Dinge führten bei Schweizern oft dazu, dass sie Deutsche für arrogant halten. «Ich finde mich nicht arrogant, aber ich weiss, dass ich manchmal so erlebt werde», sagt Veronika Färber. «Manchmal sind wir halt einfach zu schnell und zu fordernd.» Von vereinzelten diskriminierenden Vorkommnissen konnten alle Deutschen auf dem Podium berichten. Wirklich schlimm empfanden sie diese aber nicht.

Es ist ein Lernprozess

«Es ist auch ein Lernprozess», erklärte Zeljka Blank. Man müsse sich vermehrt hinterfragen, was eine negative Reaktion ausgelöst haben könnte. «Und man darf und soll selbstverständlich auch nachfragen, wenn man etwas nicht versteht.»