«Der Hufschlag klingt wie Musik»

ARBON. Bonnie, der schwarze Hovawart, wedelt beim Seemoosholz um den zwei Tonnen schweren Planwagen herum, während Heinz-Peter Schulte (58) und Gattin Anna (55) die Pferde anschirren. Bis auf «Senior» Falco (15) sind es Vollblüter.

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Heinz-Peter und Anna Schulte brechen vom Nachtlagerplatz beim Seemoosholz auf zu einer weiteren Etappe auf ihrem langen Weg nach Köln. (Bilder: Max Eichenberger)

Heinz-Peter und Anna Schulte brechen vom Nachtlagerplatz beim Seemoosholz auf zu einer weiteren Etappe auf ihrem langen Weg nach Köln. (Bilder: Max Eichenberger)

«Fairplay (13) und die sechsjährigen Nestor und Zyprion sind auf der Rennbahn gelaufen», erzählt der Kölner stolz. Jetzt können sie es, dem Wagen vorgespannt, auf der Fahrt von der Quelle des Rheins beim Oberalppass bis nach Köln geruhsamer nehmen.

Wie die Zigeuner unterwegs

In Tagesetappen von durchschnittlich 30 Kilometer wollen sie die 900 Kilometer lange Strecke zurücklegen. Wie die Zigeuner, und auf der langen Reise die Landschaft vorbeigleiten lassen; langsam, bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 6 bis 7 Stundenkilometern, und mit allen Sinnen aufnehmen. Das Ehepaar, das sich vor 25 Jahren auf einer Reitjagd kennengelernt hat und vom späteren CDU-Generalsekretär Peter Hinze, damals Pfarrer, getraut worden war, ist vernarrt in Pferde. Schon seit Kindsbeinen.

Wiehern als Morgengruss

Auf diesem Trip sind sie aufeinander angewiesen: Und beide, Mensch und Tier, spüren das sehr genau. «Wenn wir am Morgen aus dem Wagen kriechen, begrüsst uns das Quartett mit einem Wiehern», schildert Anna Schulte. «So eine Reise schweisst zusammen.» Unterwegs klinge der Hufschlag der Pferde wie Musik. Manchmal, wie gestern, rüttelt der Wind gehörig an der Blache.

Die Sehnsucht nach dem ursprünglichen, einfachen Leben schwingt mit: «Wir erfüllen uns mit dieser Reise einen langgehegten Traum.»

Statt Trucks ein Planwagen

Zu Hause im Siebengebirge haben die Schultes schon Kutschenfahrten unternommen. Den Planwagen konstruierte Heinz-Peter Schulte in eigener Regie, ohne irgendwelche Zeichnungen. Für den Autoschlosser – «ich bin jetzt im Vorruhestand» – war das technisch und handwerklich kein Problem.

Statt Trucks hält er jetzt stolz seinen Eigenbau in Schuss, der zweckmässig und mit dem Nötigsten fürs Leben auf Rädern eingerichtet ist. Drei Jahre hat die Vorbereitung gedauert.

Mit Sondergenehmigung

Letzte Woche haben die Wagenfahrer ihre Pferde in einen Transporter verladen und auf einem Sattelanhänger gleich auch ihr Gefährt auf Rädern, in dem sie die nächsten Wochen «auf Achse» wohnen werden – immer in Tuchfühlung mit der Natur – und ein bisschen wie Nomaden, die spätnachmittags jeweils nach einem geeigneten Quartier Ausschau halten.

Einigen Bürokram mussten sie vor dem Start letzten Freitag auf der Oberalp erledigen, um zu den erforderlichen Papieren und (Sonder-)Genehmigungen zu kommen.

Auf Friedhöfen immer Wasser

Es ist ein langer Weg vom jungfräulich sprudelnden Bach zum grossen Strom. «Ursprünglich wollten wir vom Bodensee aufbrechen, spüren jetzt aber dem ganzen <Leben> des Rheins nach.» Nächstes Jahr, hegen Schultes schon weitere Pläne, soll es dann von Köln zum Meer hinunter gehen.

Wasser schöpfen sie mit Kunststoffeimern aus dem Fluss, aus Bächen oder dem See. Nicht nur: «Auch auf Friedhöfen gibt es immer Wasser – und Giesskannen.» Futter führen sie mit. Für Nachschub sorgen an Fixpunkten Freunde. Ansonsten gibt es keine voraus festgelegten Orte, wo das Nachtlager aufgeschlagen wird.

Viel Gastfreundschaft erfahren

«Letzten Sommer haben wir die ganze Strecke mit dem Auto abgefahren», blättert Anna Schulte in einem sorgsam geführten Logheft, in dem sie alle Optionen minutiös beschrieben hat.

Die beiden schwärmen von der Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft, die sie auf ihrem bisherigen Weg erfahren haben. Ein Bauer gewährte ihnen und den Pferden am Dienstag während eines heftigen Gewitterregens Unterschlupf. Von Landwirten bekommen die fahrenden Kölner auch schöne Flecken fürs Nachtlager vermittelt. Die Polizei erlaubte ihnen das Befahren des Rheindamms. Beim Arboner Camping konnten sie duschen. Manchmal waschen sie sich am Bach.

Nicht so romantisch wie im Film

«So romantisch wie in Filmen ist es zwar nicht immer» –, aber sich nah am Puls der Natur mit Bedacht fort zu bewegen, sei bereichernd, schätzt Anna Schulte diese Erfahrung. Schnell muss Heinz-Peter noch einen Hufbeschlag in Ordnung bringen. Der Platz wird gesäubert. Ein Kaffee unterm geschwungenen Dach. Übermütig warten unterdessen die Pferde auf die Weiterfahrt. Auch Bonnie weiss: Jetzt heisst's aufspringen.

Und der Wagen entschwindet – wie in in der Schlussszene eines Westerns: statt in der glühenden Abendsonne unter herbstlichem Gewölk. Max Eichenberger

«Man kann nicht einfach den Zündschlüssel drehen wie beim Auto», sagt der Fahrer. Am Morgen gibt es allerhand zu tun, bis es weitergehen kann: Pferde versorgen, Zaumzeug anlegen, anschirren.

«Man kann nicht einfach den Zündschlüssel drehen wie beim Auto», sagt der Fahrer. Am Morgen gibt es allerhand zu tun, bis es weitergehen kann: Pferde versorgen, Zaumzeug anlegen, anschirren.

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