Der Hofladen auf Rädern

Auf dem Ziegelhof der Familie Böhler im Tägermoos gibt es kein Verkaufslokal. Ihre Produkte aus Eigenanbau gelangen im Abo und per Lieferwagen zum Kunden. In den Gemüsekisten befinden sich auch mal alternative Sorten.

Urs Brüschweiler
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Marc Böhler steht vor einem seiner Lieferwagen und zeigt eine Gemüsekiste, die im Abo ausgeliefert wird. (Bild: Reto Martin)

Marc Böhler steht vor einem seiner Lieferwagen und zeigt eine Gemüsekiste, die im Abo ausgeliefert wird. (Bild: Reto Martin)

TÄGERWILEN. «Wenn der Salat geliefert wird, ist er noch keine 24 Stunden alt», sagt Marc Böhler. Er ist Geschäftsführer auf dem Ziegelhof und Kopf des Familienbetriebs. Einen Hofladen gibt es hier nicht. Davon gebe es hier im Tägermoos bereits genügend. Dafür stehen zwei Lieferwagen abfahrbereit vor der Scheune. «Salat.ch» steht in grossen Lettern drauf.

Eigentlich betreiben Marc Böhler, sein Bruder Andreas und die Eltern einen Internetshop für Gemüse und Früchte. Der Kunde löst auf der Webseite ein Abo und erhält dann jede Woche eine Frischhaltebox mit knackigem und gesundem Inhalt vor die Haustür geliefert – individuell zusammengestellt und mit passendem Zubereitungsrezept. «Wir machen das seit sechs Jahren», erklärt Böhler. Man sei damals auf der Suche nach einem neuen Absatzkanal gewesen. «Wir belieferten hauptsächlich Grossabnehmer. Das war nicht befriedigend.» Sie wollten ihre Produkte selber vermarkten, keinen Umweg gehen vom Hof zum Konsumenten. «Zuerst lieferten wir nur nach Kreuzlingen», erzählt der Geschäftsführer. Die Nachfrage ist stetig gestiegen. Heute wird jeden Tag eine andere Route in eine Region im Kanton Thurgau gefahren. Zu mehreren hundert Abnehmern.

Ökologie und Nachhaltigkeit

Mit der Familie arbeiten ein Dutzend Leute im innovativen Landwirtschaftsunternehmen. Vier bis fünf sind Vollzeit beschäftigt auf dem acht Hektaren grossen Betrieb direkt am Seerhein. Auf dreieinhalb Hektaren wird Gemüse angebaut. Der Rest wird entweder für den Ackerbau genutzt oder ist ökologische Ausgleichsfläche. Ökologie und Nachhaltigkeit stehen auf dem Ziegelhof überhaupt im Fokus. Marc Böhler zeigt die neuste Sorte, welche gerade im Versuchsanbau getestet wird. «Das sind Haferwurzeln, die haben ähnliche Eigenschaften wie die Schwarzwurzeln. Ich bin gespannt, wie es läuft.»

Vergessene Sorten

Immer wieder probiert man auf dem Ziegelhof alte, fast vergessene Pflanzenarten aus. Dahinter steckt eine konkrete Absicht. «Die alten Sorten schmecken besser, wir heben uns damit von anderen ab und bieten eine Alternative. Und wir sind nicht von Grosskonzernen abhängig», erklärt der Betriebsleiter. Sein Saatgut möchte er nämlich nicht von internationalen Agrar-Multis beziehen, sondern lieber vom Schweizer Kleinunternehmen. Das ist nicht nur ein leichter Hauch von alternativer Landwirtschaft, sondern es ist für das Team auch schlicht interessanter, stets etwas Neues ausprobieren zu können. Und sie können so auch Spezialitäten an Restaurants liefern. Die Artischocken beziehen zum Beispiel das Restaurant Seegarten in Kreuzlingen und die «Krone» Gottlieben vom Ziegelhof. Das «Trompeterschlössle» Salate und Gemüse.

Junge Familien als Kunden

So gelangen in die Gemüsekisten vom Ziegelhof – die kleine für ein bis zwei Personen gibt es im Abo für 18 Franken pro Woche – eben auch etwas speziellere Salate, Kohlrabi, Fenchel, Selleries, Zucchinis oder Randen aus Versuchsanbau. «Am meisten nutzen junge Familien unser Angebot», sagt Marc Böhler. «Aber die Kundschaft ist eigentlich querbeet durch alle Schichten.» Ihm gefällt der direkte Draht zu seinen Abnehmern. «Wir erfahren viel Wertschätzung. Das macht Freude. Das Ganze ist ein geschlossener Kreislauf.» Böhler weiss auch, dass die beigelegten Rezepte oft nachgekocht werden. Diese Gerichte werden nicht etwa eingekauft oder aus Kochbüchern kopiert, sondern sind Eigenkreationen einer Mitarbeiterin. Auf der Homepage des Betriebs sind über hundert davon zu finden.

Alles nach Kundenwunsch

Die gesamte Produktion des Landwirtschaftsbetriebs ist auf den Abo-Versand ausgerichtet. Man baut entsprechend der Nachfrage an. «Zwei Leute ernten. Dann werden die Kisten nach Kundenwunsch gefüllt und geliefert», erklärt Böhler. «Und wenn jemand zum Beispiel keinen Chinakohl mag, packen wir stattdessen einfach etwas anderes hinein.»

Auf dem geschichtsträchtigen Ziegelhof baut die Familie Böhler bereits in der fünften Generation Gemüse an, seit 1901. Zuvor wurden in diesem ältesten Gebäude im Tägermoos – wie es der Hofname bereits verrät – die Ziegel für die Stadt Konstanz produziert. «Auf dem Dachboden liegen sogar noch welche herum», sagt Böhler. Hier im Tägermoos – ein Landstück, das der deutschen Nachbarstadt gehört – sind sie die einzigen Schweizer Produzenten. «Das Anbaugebiet ist dank seiner feuchten und kalkigen Böden besonders fruchtbar und das Klima ist recht günstig», erklärt der Hofleiter und ergänzt lachend. «Die Rüben wachsen hier schön gerade.»

Bild: URS BRÜSCHWEILER

Bild: URS BRÜSCHWEILER