Der gute Ruf ist unzerstörbar

Honigmundkuss

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Die Zeiten sind längst vorbei, als die SBB Sonderzüge mit 1000 Passagieren nach Romanshorn führte, wo sie sich im «Bodansaal» vergnügten, den es nicht einmal mehr gibt. Die Hafenstadt hat aber offenbar nach wie vor den Ruf im Land, allerbeste Unterhaltung zu bieten wie zu Zeiten des legendären Wirtes E. A. Züllig. Der Schweizer Erfolgsautor Tim Krohn aus dem Glarnerland jedenfalls scheint überzeugt zu sein, dass in Romanshorn noch immer der Bär steppt. In seinem diesen Frühling erschienenen Buch «Herr Brechbühl sucht eine Katze» regt sich der Rentner Erich Wyss über die Dienstleistungen der Alters- und Pflegeheime in Zürich auf, die er abgeklappert hat. Dabei stellt der Pensionär fest, dass die Zeit stehen geblieben ist. Als sich Wyss an einem Ort einschleicht, um zu tanzen, machen die Bewohner eine Polonaise – zur Musik von Vico Torriani. Und die Ausflüge gehen ins Disney Land oder zur Suisse Miniature. Wyss findet das einfach nur erbärmlich. Er würde sich wünschen, «dass man den Leuten etwas Spektakuläres gönnt»: Die Mailänder Scala oder wenigstens ein Musical in Romanshorn. Ein Satz wie ein Honigmundkuss für die Marketingverantwortlichen der Stadt. Nur leider ist er ein leeres Versprechen. Denn in Romanshorn sind keine Musicals zu sehen. Nicht einmal mehr eine Abendunterhaltung des Turnvereins gibt es, weil geeignete Räumlichkeiten fehlen. Aber egal: Romanshorn ist eine ganz grosse Nummer in einem wunderbaren Buch. (mso)