Der Doktor bleibt im Dorf

EGNACH. Viele Hausärzte finden keinen Nachfolger. Regula und Rolf Streckeisen haben Glück. Ihr Sohn Urs übernimmt ihre Praxis in Egnach im nächsten Frühling. Zuerst arbeitet er sich jetzt ein halbes Jahr ein. Der Entscheid gegen eine Karriere im Spital fiel dem 31-Jährigen nicht schwer.

Markus Schoch
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Der Arzt-Sohn übernimmt: Im nächsten Frühling führt Urs Streckeisen die Praxis seiner Eltern Rolf und Regula Streckeisen weiter. (Bild: Donato Caspari)

Der Arzt-Sohn übernimmt: Im nächsten Frühling führt Urs Streckeisen die Praxis seiner Eltern Rolf und Regula Streckeisen weiter. (Bild: Donato Caspari)

Die Egnacher können aufatmen. Im Dorf wird es weiter einen Hausarzt geben, wenn Regula (67) und Rolf (66) Streckeisen nach 33 Jahren am Ort in Pension gehen. Ihr Sohn Urs (31) übernimmt die Praxis. Ohne Druck. Er träumte zwar einst davon, Musiker zu werden, sah aber schnell ein, dass es schwierig werden würde, davon zu leben. Er begann darum nach der Kantonsschule ein Medizinstudium, weil ihm das «am sinnvollsten» erschien, wie er selber sagt. Bereut hat er den Entscheid nie. «Das war der richtige Weg für mich.»

Egnach ist damit in einer privilegierten Situation. Viele Hausärzte im Thurgau finden keinen Nachfolger. Über ein Viertel der Grundversorger arbeitet noch, obwohl sie bereits über 65 Jahre alt sind. Auf die Dauer kann das nicht gut gehen, weiss auch Gesundheitsdirektor Bernhard Koch. «Wir gehen einem Versorgungsengpass entgegen», sagte er im Grossen Rat bei einer Debatte darüber, wie das Problem gelöst werden könnte. Bis in 20 Jahren sollen gemäss Prognosen schweizweit 39 Prozent der Hausärzte fehlen.

Höhere Lebensqualität

Der Beruf ist wenig attraktiv. Die Hausärzte arbeiten viel, verdienen aber im Vergleich mit Spezialisten wenig. Und die Rahmenbedingungen würden laufend schlechter, klagen die Grundversorger. So wurde ihnen die Laborentschädigung gekürzt.

Urs Streckeisen hat sich trotz alledem entschieden, in die Fussstapfen seiner Eltern zu treten, obwohl es ihm im Spital ebenfalls sehr gut gefällt. Dort hat er in den letzten Jahren als Assistenzarzt gearbeitet, zuerst in Rorschach, jetzt in Münsterlingen auf der Inneren Medizin als stellvertretender Oberarzt. Doch seine Familie würde so auf Dauer zu kurz kommen, ist der zweifache Vater überzeugt. «Als Hausarzt habe ich eine höhere Lebensqualität. Ich bin in fünf Minuten zu Hause und kann mit Frau und Kindern essen. Das ist mir wichtig.»

Doch nicht nur deswegen habe er auf eine Karriere als Mediziner verzichtet. «Ich freue mich riesig auf meine neue Aufgabe in Egnach», sagt Streckeisen. «Man hat als Hausarzt viele Kontakte mit Patienten und baut eine jahrelange Beziehung auf. Ich finde das sehr befriedigend.» Die finanziellen Einbussen nehme er in Kauf. Und so schlimm sei es auch nicht, sagt sein Vater. Man könne sich als Hausarzt zwar keine zwei Yachten am Mittelmeer und ein Ferienhaus in Frankreich leisten, aber vom Einkommen trotzdem gut leben. «Egnach ist und bleibt eine gute Ecke für einen Arzt», sagt Rolf Streckeisen. Das Einzugsgebiet reiche bis nach Arbon und Romanshorn, wo die meisten der Patienten von ihm und seiner Frau wohnen.

«Wir ergänzen uns gut»

Urs Streckeisen übernimmt die Praxis schrittweise. Ab 8. Oktober arbeitet er für ein halbes Jahr zusammen mit seinem Vater und bietet neu Ultraschalluntersuchungen an, ehe er im Frühling die alleinige Verantwortung trägt. Regula Streckeisen, die in den letzten Jahren noch mit einem Pensum von 20 Prozent mitarbeitete, geht bereits Ende Oktober in den Ruhestand. Auf die Zeit mit seinen Eltern freue er sich, sagt ihr Sohn. «Das wird ein spannender Prozess.» Er habe keine Bedenken, dass sie sich auf die Nerven gehen könnten. Sein Vater sieht es gleich: «Wir ergänzen uns gut.» Sie könnten beide voneinander lernen. Urs Streckeisen erwartet von seinem Vater insbesondere, dass er ihm zeigt, wie ein kleiner Betrieb geführt werden muss. «Darauf bin ich in der Ausbildung nicht vorbereitet worden.»

Seine Eltern waren der Zeit voraus: Sie betrieben eine Gemeinschaftspraxis, die als Modell der Zukunft gilt. Urs Streckeisen will keinen Schritt zurück in die Vergangenheit machen. «Ich fange alleine an, mein Ziel ist es aber nicht, es 30 Jahre zu bleiben.» Er könne sich vorstellen, die Räumlichkeiten bald mit einem Partner zu teilen.