«Der <Bodan> ist meine Kindheit»

In der Ära von E. A. Züllig erlebte das Traditionshaus seine Blütezeit. Sein Sohn Andreas Züllig ist oberster Hotelier der Schweiz. Er erinnert sich an eine Metzgete im Büro, lärmgeplagte Anwohner und sein erstes Päckli Zigi von der Tombola.

Tanja von Arx
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Ruhe vor dem Sturm: Der Bodansaal, festlich geschmückt für den Auflauf am nächsten Anlass. (Bild: pd/Archiv Andreas Züllig)

Ruhe vor dem Sturm: Der Bodansaal, festlich geschmückt für den Auflauf am nächsten Anlass. (Bild: pd/Archiv Andreas Züllig)

Herr Züllig, Sie führen nicht nur ein Hotel in Graubünden, sondern sind auch Präsident des Schweizer Hotelierverbandes. Haben Sie das Flair für den Beruf von Ihrem Papa E. A. Züllig geerbt?

Andreas Züllig: Ja, vor allem das unternehmerische Denken. Ich bin im «Bodan» aufgewachsen, von klein auf haben wir mitgearbeitet, und am Tisch haben wir natürlich einiges vom Geschäft mitbekommen. Mein Vater war einer, der viel forderte, aber auch viel gab. Von ihm habe ich auch die Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitern gelernt.

Wie meinen Sie das?

Züllig: Letzthin habe ich von einer Frau gelesen, dass er sie spät am Abend nach der Arbeit noch mit dem Auto nach Hause fuhr. Einmal im Jahr gab es einem Betriebsausflug, um den Mitarbeitern für ihre Treue zu danken.

E. A. Züllig war eine schillernde Figur, wie man sich erzählt.

Züllig: Er war ein Fasnächtler, feierte gern und unterhielt die Leute. Dieses Gen habe ich weniger. In dieser Beziehung bin ich eher wie meine Mutter Martha.

Worüber sprachen Sie denn im «Bodan», wenn die Eltern nicht arbeiteten?

Züllig: Darüber, wie es vorher war in Romanshorn. Meine Eltern übernahmen das Hotel mit Restaurant in der Kriegszeit, im September 1942, in einen desolaten Zustand. Das Kohle- und Lebensmittellager war leer, die Lebensmittelkarten waren abgelaufen. Mein Vater, aufgewachsen in Egnach, nutzte Beziehungen zu Bauern in der Gegend, um Lebensmittel einzukaufen.

Wie machte er das?

Züllig: Mit dem Velo fuhr er aufs Land, oft im Dunkeln, weil wegen... der Flugzeuge kein Licht angezündet werden durfte. Meine Mutter erzählte uns, dass er einmal im Büro ein halbes Schwein zerteilt hat. Das war strafbar, weil es ohne Lebensmittelmarken als Schwarzhandel galt. Meine Mutter kam unwissend mit einem Gast ins Büro. Dieser ist glücklicherweise wieder kommentarlos gegangen. (lacht)

Wissen Sie, was im «Bodan» nach dem Krieg lief?

Züllig: Meine Eltern erzählten, dass die leidende deutsche Bevölkerung nach dem Krieg vom bombardierten Friedrichshafen aus eine Fahrt über den Bodensee unternahm. Im «Bodan» wurden dann Kaffee und Kuchen serviert. Das Silberbesteck wurde aber nicht aufgedeckt. Man hatte Angst, dass es mitgenommen würde. Stattdessen liess er günstiges Aluminiumbesteck aufdecken.

Die 50er- und 60er-Jahre, als es der Wirtschaft dann besser ging, dürften Sie als kleiner Bub mitbekommen haben.

Züllig: Das stimmt. Viele Firmen wollten ihren Mitarbeitern etwas Besonderes bieten und organisierten eine «Fahrt ins Blaue» Richtung Bodensee. Sonderzüge der SBB mit 800 bis 1000 Leuten fuhren nach Romanshorn, wo sich die Gäste im Bodansaal ein Nachtessen und Unterhaltung gönnten. Um zwei Uhr früh fuhren sie wieder heim. Ich würde sagen, da entstand die erste Minibar.

Wie muss man sich das vorstellen?

Züllig: Mein Vater stieg kurzerhand ausgerüstet mit Bier in den Extrazug und bescherte sich mit dem Verkauf einen netten Zusatzverdienst. Mit dem Zug kam er dann am nächsten Morgen mit Leergut und Harassen wieder zurück. Schliesslich war ja auf diesem Pfand drauf.

Sie sprachen die Unterhaltung an. Wie sah diese aus im «Bodan»?

Züllig: Einen Namen gemacht hat sich das Jekami, ich nenne es «Romanshorn sucht den Superstar». Eine lokale Talentshow, an der jeder mitmachen konnte. Kliby, damals Zölldeklarant in Kreuzlingen, kam häufig am Mittwochabend und holte sich, wenn er gewann, eine gute Gage.

Gewannen Sie auch? Sie hatten sicher Vorteile als E. A. Zülligs Sohn.

Züllig: Nein, gar nicht. Ich nahm einmal als Kind mit einem Kollegen teil. Das Preisgeld betrug fünf Franken. Aber die ganzen Jongleure, Bauchredner und Sänger beurteilte eine neutrale Jury. Mein Ding waren eher der Kinder- und Maskenball an Fasnacht.

Erzählen Sie davon.

Züllig: Wir gingen verkleidet, meistens als Cowboy, mit einer Schreckschusspistole bewaffnet in den Bodansaal. Mein Vater rief von der Bühne aus «Jetzt!» und markierte damit das Zeitfenster, wann wir «klöpfen» konnten. Denn auch das «Klöpfen» war gut organisiert. Alle gingen am Schluss mit einer Schnecke vom Beck heim. Aber vor allem konnte ich an der Fasnacht mein Sackgeld aufbessern.

Wie denn?

Züllig: Bei der «Happy Rancho Bar», einem dunklen Raum unter dem Bodansaal, ging ich aufräumen und putzen. Unter den ganzen Konfetti und Luftschlangen fand ich viel Münz, immer so zwischen drei bis fünf Franken. Denn die Leute waren beim Feiern oft angetrunken und ihnen fiel das Geld aus der Tasche, sich bücken fiel schwer. Ausserdem faszinierte mich der Geruch von Rauch, ausgeschüttetem Bier und Schnaps.

Was faszinierte Sie noch?

Züllig: Das Trio Bobbi, Max und Moritz. Sie traten täglich von 20.15 bis 23.30 Uhr auf mit einer Gage von 150 Franken, im Vertrag einbegriffen für die beleibten Max und Moritz je zwei Essen pro Mahlzeit, für Bobby eines. Trotz der damals hohen Gage war es für den «Bodan» ein sehr gutes Geschäft. In einem Sommer kamen fast 20 000 Gäste aus der ganzen Ostschweiz.

Gab es auch Sachen, die Sie weniger interessierten?

Züllig: An den Chüngeli-Ausstellungen des ornithologischen Vereins Romanshorn interessierten mich die Hasen und Hühner weniger. Ein Höhepunkt war für mich immer die Weihnachtsausstellung. Dort zeigten die Gewerbler modisch und technisch den letzten Schrei. Das «Radio und Fernsehen Tschümperlin» präsentierte dort auch den ersten Farbfernsehen, und ich hielt die erste Polaroid-Sofortbildkamera in den Händen. Und bei einer Tombola gewann ich das erste Pack Zigi.

Sie haben geraucht?

Züllig: Gepafft. Sonst wäre mir dabei schlecht geworden. Damals muss ich um die zwölf gewesen sein.

Das klingt alles nach einem rauschenden Fest. Gibt es in Ihrer Erinnerung keine kritischen Momente?

Züllig: Doch, da waren die Beschwerden wegen Nachtruhestörungen. Anwohner beklagten sich über den Lärm, besonders im Sommer, denn der «Bodan» hatte Ende der 60er-Jahre eine offene Terrasse. Sie forderten an der Gemeindeversammlung, dass die Musik um 22 Uhr aufhört.

Wie hat Ihr Vater reagiert?

Züllig: Mit Gepolter und deutlichen Worten konnte er ein finanzielles Desaster verhindern. Die Terrasse wurde aber später komplett eingeschaltet mit elektrischen Fenstern.

Ihr Vater hörte 1975 nach 32 Jahren auf. Danach ging es mit dem «Bodan» abwärts, und bald fahren die Bagger auf, um das Haus abzureissen.

Züllig: Das tut mir weh. Ich kenne das Haus vom Keller bis in den Estrich, ich bin da aufgewachsen, das ist meine Kindheit.

Bringen Sie es übers Herz, nächste Woche ans Abschiedsfest zu gehen?

Züllig: Ja. Aber nur morgens. Ich will kurz reinschauen und Tschüss sagen. Nachher habe ich auch selber das Hotel voll.