Der Baumeister ist verschwunden

Jahrzehntelang waren die evangelischen Schönholzerswiler überzeugt, dass der berühmte Ulrich Grubenmann ihre Kirche baute. Doch dem ist vielleicht gar nicht so, sagt Rosemarie Nüesch aus Teufen. Die Leute tragen es mit Fassung.

Monika Wick
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Ein Schmuckstück, selbst wenn der Bauherr nicht Ulrich Grubenmann hiesse: Die evangelische Kirche in Schönholzerswilen. (Bilder: Monika Wick)

Ein Schmuckstück, selbst wenn der Bauherr nicht Ulrich Grubenmann hiesse: Die evangelische Kirche in Schönholzerswilen. (Bilder: Monika Wick)

SCHÖNHOLZERSWILEN. «Madame Grubenmann» wird Rosemarie Nüesch genannt. Kein anderer wahrscheinlich kennt die Geschichte der berühmten Baumeister Grubenmann so genau wie die 86jährige Frau. Im März 2013 war Rosemarie Nüesch für ihr überregionales Engagement als Architektin, Denkmalpflegerin, Heimatschützerin und Kennerin der Bauherren Grubenmann mit dem Ausserrhoder Kulturpreis ausgezeichnet worden. Jahrelang war sie Kuratorin des Grubenmann-Museums in Teufen.

Keine Fussnote

Im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten zum 300jährigen Bestehen der evangelischen Kirche in Schönholzerswilen teilte Rosemarie Nüesch ihr enormes Wissen mit rund zwanzig interessierten Zuhörern. Jahrelang waren die evangelischen Kirchbürger davon ausgegangen, dass ihre Kirche vor dreihundert Jahren vom berühmten Bauherr Ulrich Grubenmann errichtet worden war. «Erwiesen ist das nicht, wir hoffen aber sehr, dass es so ist», sagte Nüesch. «Es gibt keine Fussnote und keinen Beleg dafür, dass Ueli Grubenmann der Planverfasser ist. Vielleicht wurde die Urheberschaft einfach mündlich überliefert.»

Fleissige Baumeister

Auch der Kunsthistoriker Eugen Steinmann fand laut Rosemarie Nüesch beim Durchforsten des Pfarrarchivs in Schönholzerswilen keine Erwähnung von Ulrich Grubenmann. In Verträgen werden Maurermeister Joseph Mathias von Wil sowie die Zimmermeister Hans Jakob Baumann und Wilhelm Rutishauser erwähnt, deren Initialen auch in die Holzsäulen der Empore eingeschnitzt sind. «Für Eugen Steinmann entbehrt die Annahme, dass die Kirche nach Plänen von Ulrich Grubenmann gebaut wurde, jeder historischen Grundlage. Trotz allem ist mit diesen Angaben die Urheberschaft weder bewiesen noch widerlegt». Voller Bewunderung stellte Rosemarie Nüesch Werke der Familie Grubenmann vor. Ulrich Grubenmann und seine drei Söhne Jakob, Johannes und Hans Ulrich haben unzählige Kirchen, Brücken und Wohnhäuser erbaut. Nach dem verheerenden Stadtbrand vom Mai 1743 bauten die Grubenmanns zum Beispiel die Altstadt von Bischofszell wieder auf. Auch stammte die ehemalige paritätische Kirche in Weinfelden von den Grubenmanns. Die Kirche war 1902 abgerissen worden. An ihrer Stelle steht heute das evangelische Gotteshaus.

«Madame Grubenmann» Rosemarie Nüesch während ihres Vortrages in Schönholzerswilen.

«Madame Grubenmann» Rosemarie Nüesch während ihres Vortrages in Schönholzerswilen.

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