Der Abfallkübel kann warten

Seit April sammelt der Verein «VerwertBar Kreuzlingen» zweimal wöchentlich Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden können, ein. Die Leute stehen Schlange, um sich als Erste bedienen zu können.

Nicole D'orazio
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Marcel Deucher und Sohn Moritz sortieren die gesammelten Lebensmittel und legen sie schön aus. (Bild: Nicole D'Orazio)

Marcel Deucher und Sohn Moritz sortieren die gesammelten Lebensmittel und legen sie schön aus. (Bild: Nicole D'Orazio)

KREUZLINGEN. Die Kisten mit frischen Salaten und Zucchetti stehen schon bereit. Marcel Deucher und Sohn Moritz holen sie beim Gemüsebauer Böhler im Tägermoos ab. «Hier gibt es immer Gemüse frisch vom Feld», sagt Marcel Deucher. «Das ist super für uns.» Er gehört zum Vorstand des Vereins «VerwertBar Kreuzlingen». Dieser setzt sich gegen das Wegwerfen von noch essbaren Lebensmitteln ein und organisiert seit letztem April zweimal wöchentlich eine Sammeltour in der Region Kreuzlingen.

Die nächste Station ist der kleine Supermarkt Metro im Grünen Hof in Kreuzlingen. Hier gibt es leicht schrumpelige Nektarinen, Aprikosen, Pflaumen und Bohnen. «All diese Sachen können noch gut gegessen werden. Im Laden würden die Leute allerdings nicht mehr dafür bezahlen, weil sie schon überreif sind.» Für den Verein aber genau die Sorte Lebensmittel, die man vor der Abfalltonne retten will. «Der Lebensmittelinspektor hat uns genau erklärt, welche Früchte und Gemüse wir für die Leute bereitstellen dürfen und welche nicht.» Hat eine Frucht Anzeichen von Schimmel, wird diese weggeworfen. «Natürlich werden wir auch kontrolliert.»

Altes Brot schmeckt noch gut

Im Avec-Shop am Hafenbahnhof sind viele braune Bananen übrig geblieben. Diese nimmt Marcel Deucher gerne mit. Dann geht es zur Bäckerei Bürgin, wo es nicht nur Brot, sondern ab und zu auch Süssgebäck vom Vortag gibt. «Schmeckt immer noch gut», sagt Moritz und beisst in ein Brötli. Bei Lidl ist die letzte Station. Hier warten viele verschiedene Lebensmittel auf die Sammeltour: Champignons, Basilikum, Kohlrabi, Rüebli und anderes. «Ich bin immer überrascht, wie viele gute Lebensmittel wir bekommen. Aber das zeigt, dass unsere Touren nicht vergebens sind.»

Dann geht es zur Sakristei gleich neben der evangelischen Kirche in Kurzrickenbach. Der Verein durfte einen Kühlschrank in den Raum stellen – gratis, die Kirchgemeinde übernimmt den Strom, und der Mesmer schaut zum Rechten. Die Früchte und das Gemüse werden sortiert und dann schön präsentiert.

20 Personen vor der Tür

Um 10 Uhr öffnet Marcel Deucher die Tür. Davor stehen etwa 20 Personen in einer Schlange. Die einen warten schon seit 15 Minuten, damit sie zu den Ersten gehören, die sich bedienen dürfen. Deucher lässt die Leute in den Raum. Sie stürzen sich regelrecht auf die Lebensmittel. Die einen packen wohl etwas mehr ein, als sie essen können. «Wir mussten auch schon schlichten. Deswegen bleibt derjenige, der auf Tour war, immer noch hier.» Eine Frau hat sogar einen Rollkoffer dabei, den sie eifrig füllt. Besonders beliebt sind diesmal die Früchte. Doch auch der Salat kommt gut an.

Nach etwa sieben Minuten sind fast keine Lebensmittel mehr da. Die Leute bedanken sich und ziehen von dannen. «Den Rest legen wir in den Kühlschrank, denn es schauen einige etwas später vorbei.» Dem ist so, und auch die letzten braunen Bananen und die grossen Zucchetti finden Abnehmer.

«Wir sind kein Sozialprojekt», betont Marcel Deucher. «Es dürfen sich wirklich alle an den Lebensmitteln bedienen. Denn es geht uns darum, dass sie noch gegessen und nicht weggeworfen werden.» Es sei aber sicher so, dass vor allem Ältere und Personen, die auf ihr Portemonnaie achten müssten, oft herkommen. Deucher räumt die Schachteln weg und putzt den Tisch. Seine Arbeit ist getan.

Man wechselt sich ab

«Wir sind zehn bis zwölf Personen, die sich mit diesen Sammeltouren abwechseln», erzählt der junge Familienvater. «Jeder ist ein- bis zweimal im Monat an der Reihe.» Neue Helfer seien natürlich jederzeit willkommen. Genauso wie neue Lieferanten. «Wäre schon super, wenn wir noch mehr Lebensmittel vor der Abfalltonne retten könnten.»