Den Eltern fehlen die Worte

SCHOCHERSWIL. Die Schocherswilerin Rita Messerli arbeitet als Sexualpädagogin. Sie kennt die Hemmungen von Eltern, mit ihren Kindern das Thema Sexualität anzusprechen. Oft ist es auch für Kinder einfacher mit einer Drittperson darüber zu sprechen.

Rita Kohn
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Sexualpädagogin Rita Messerli arbeitet auch mit themenbegleitender Literatur. (Bild: Rita Kohn)

Sexualpädagogin Rita Messerli arbeitet auch mit themenbegleitender Literatur. (Bild: Rita Kohn)

Manchem fällt es schwer, offen über Sexualität zu reden. Erst recht mit den eigenen Kindern. Der Sexualpädagogin Rita Messerli aus Schocherswil ist die Situation nicht unbekannt. «Je länger Eltern vermeiden, mit ihren Kindern über Sexualität zu reden, desto schwieriger wird es, ins Gespräch zu kommen.»

Weichen für einen offenen Umgang mit dem Thema würden schon im Kindesalter gestellt. «Es braucht Worte», sagt Rita Messerli mit Nachdruck. «Ob Schnäbeli, Pfifeli oder Penis, wichtig ist, dass es für jeden Körperteil ein Wort gibt, das alle verstehen.» Damit sei schon mal eine grosse Hürde genommen.

Immer wieder konfrontiert

Schon in ihrer früheren Tätigkeit – Rita Messerli war im pflegerischen Bereich tätig – wurde die Schocherswilerin immer mal wieder mit dem Thema Sexualität konfrontiert. Als ihr ein Flyer über die Ausbildung zur Sexualpädagogin in die Hände fiel, befasste sie sich eingehend mit der Frage, ob dieser Beruf für sie in Frage käme. «Ich habe das auch mit meiner Familie besprochen, die mir zugeraten hat.» Also meldete sie sich für die Ausbildung an.

Heute, da sie schon einige Erfahrungen als Sexualpädagogin gesammelt hat, sagt Rita Messerli voller Überzeugung: «Ich liebe meinen Beruf.» Sie stelle fest, dass sie vielen Kindern und Jugendlichen, aber auch ihren Eltern über eine Hürde hinweghelfen könne. «Es ist nicht so, dass Eltern mit ihren Kindern auf keinen Fall über Sexualität reden möchten. Aber viele wissen nicht, wie sie an das Thema herangehen sollen.» Und oft sei es gerade für heranwachsende Kinder einfacher, mit einer Drittperson über offene Fragen in Sachen Sex zu reden als mit den Eltern.

Eltern sind ein Vorbild

«Sexualität ist nicht an ein Alter gebunden», sagt Rita Messerli. Die Kinder würden auch in dieser Hinsicht ihre Eltern als Vorbild sehen. Erst die Jugendlichen holen sich ihre Vorbilder aus dem weiteren Umfeld. Nicht immer können Eltern damit souverän umgehen. «Kinder haben ihre eigene Sexualität. Das verlangt von den Eltern, loszulassen.»

Bei ihren Besuchen in der Schule wird die Sexualpädagogin oft mit Fragen konfrontiert, die sich die Jugendlichen nicht trauten, ihren Eltern zu stellen. Aber sie stelle auch fest, dass viele Jugendliche ein fixes Drehbuch im Kopf hätten, wie ihre Sexualität abzulaufen habe. Zudem würden sich viele Mädchen selber unter Druck setzen. Klärt die Sexualpädagogin die Jugendlichen darüber auf, dass sehr viele Mädchen beim ersten Mal keinen Orgasmus erlebten, nehme das Druck aus der Sache und lasse die Jugendlichen entspannter mit dem Thema umgehen.

Vom Thema überfordert

Rita Messerli stellt fest, dass nicht nur Eltern, sondern auch Lehrkräfte teilweise vom Thema Sexualität stark gefordert, wenn nicht gar überfordert seien. Auch für die Jugendlichen sei es manchmal schwierig, sich mit Fragen zur Sexualität an eine Lehrkraft zu wenden, die sonst Noten in Mathematik, Deutsch oder anderen Fächern verteile. So ist die Schocherswilerin überzeugt, dass es immer mehr externe Sexualpädagoginnen brauche.

Seit sie ihre Ausbildung fertig hat, arbeitet Rita Messerli als Freelancerin in ihrem Fachgebiet. Ihre Kundschaft rekrutiert sich nicht nur aus dem näheren Umfeld von Amriswil. Leider sei die Sexualkunde in der Schule ein Bereich, der noch nicht so selbstverständlich sei wie etwa Sportunterricht. Das heisse aber auch, dass gerade hier oft gespart werde. «Nicht alle Schulen haben ein Budget, sich hier externe Fachkräfte zu holen», bedauert Rita Messerli.

An Situation anpassen

Ihre Aufgabe erfordert von Rita Messerli viel Fingerspitzengefühl. Gerade, wenn sie in den besuchten Klassen mit verschiedenen ethnischen und religiösen Kulturen konfrontiert ist, muss sie den Unterricht an die jeweilige Situation anpassen. Grundsätzlich erlebe sie aber, dass die Kinder und Jugendlichen auf den Unterricht gespannt seien. «Sie wissen: Jetzt wird informiert, jetzt darf ich fragen, was ich schon lange wissen wollte.»