Dem Thurbo auf der Spur

Ausflug-Serie (5/24): Die Bahn hat für Weinfelden einst den grossen Wachstumsschub gebracht. Auf einer Wanderung entlang der heutigen Bahnverbindung zwischen Weinfelden und Berg lässt sich dem Alltag gut der Rücken kehren.

Maya Mussilier
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Fritz Streuli und Martin Sax wandern der Bahnstrecke entlang: Ein kurzer Zwischenhalt zwischen Weinfelden und Unterhard. (Bild: Nana do Carmo)

Fritz Streuli und Martin Sax wandern der Bahnstrecke entlang: Ein kurzer Zwischenhalt zwischen Weinfelden und Unterhard. (Bild: Nana do Carmo)

WEINFELDEN. Martin Sax steht unter der Anzeigetafel am Bahnhof Weinfelden und wartet auf seine Begleiter. Der ehemalige Gemeindeschreiber hat sich bereit erklärt, zusammen mit Gemeindeparlamentarier und SBB-Betriebsdisponent Fritz Streuli und der Redaktorin der Thurgauer Zeitung der Thurbo-Strecke entlang nach Berg zu wandern.

Wegen erwiesener Hässlichkeit

Vom Bahnhof her die Strasse überquert, an der Post vorbei steht der kleine Trupp kurz danach vor dem Pestalozzischulhaus. Es war 1839 das einzige Gebäude zwischen Dorf und Bahnhof.

«Die Eisenbahn wurde aussen am Dorf durchgeführt, weil sie lärmte und stank», weiss Martin Sax. Das Schulhaus war schon vorher mit der Begründung «wegen erwiesener Hässlichkeit» aus dem Dorf verbannt worden.

Weiter geht es über den Marktplatz, am Thurgauerhof vorbei auf die Kreuzung hinter der Migros und in die Thomas- Bornhauser-Strasse. Kaum zu glauben, dass auch hier einst für kurze Zeit eine Eisenbahnschiene lag. «Es gab keine Lastwagen, weshalb für den Bau der Strasse eine Baubahn hier durchgeführt wurde», sagt Martin Sax. Ab 1920 entstanden entlang der heutigen Thomas-Bornhauser-Strasse die ersten Einfamilienhäuser mit ihren grossen Vorgärten.

«Hier gab es nichts mehr»

Kurz darauf führt die Wanderung dem Bahnweg entlang, wenige Meter neben dem Gleis der Bahnverbindung zwischen Weinfelden und Kreuzlingen. Martin Sax deutet nach Osten. «Hier gab es damals nichts mehr», sagt er. Die Bahnlinie habe deutlich ausserhalb des Dorfes durchgeführt. Jetzt fällt der Blick auf Industriebauten und Wohnblöcke. Beim Bahnübergang Amriswilerstrasse ist es Zeit, auf die andere Seite der Gleise zu wechseln. Der Aeulistrasse entlang geht es zwischen den Mehrfamilienhäusern durch bis zur Kreuzlingerstrasse und dort in Richtung Osten. Eine tiefe Baugrube zieht die Blicke auf sich. Hier entsteht ein weiterer Wohnblock. Der Weg führt nun von der Hauptstrasse weg. Auf der Leuestrasse fällt die Hektik des Alltags von den Wandernden ab. Nur kurz ist der vorbeifahrende Thurbo einige Meter über dem Weg zwischen den Bäumen zu sehen. Zu hören ist kaum etwas.

Dass dieser Zug die Reisenden zwischen Weinfelden und Kreuzlingen transportiert, ist dem Pioniergeist der Betreiber der damaligen Mittelthurgaubahn zu verdanken, auch wenn eben diese an ihrem eigenen Wachstum zugrunde ging. Martin Sax erklärt die Hintergründe: «In den späten 80er-Jahren wollte die Mittelthurgaubahn ihre Stecke über Konstanz hinausführen, damit der Zug im Stundentakt verkehren konnte. Die SBB liessen ihrerseits die Seelinie verlottern, worauf diese von der Mittelthurgaubahn übernommen wurde. Im Herbst 2001 war dann kein Geld mehr vorhanden und die Mittelthurgaubahn musste liquidiert werden.» Eine Lösung musste her, worauf die SBB und der Kanton die Thurbo AG gegründet haben. Für Martin Sax ist klar: «Eigentlich müssten wir dankbar sein. Unseren heute tollen Nahverkehr auf dieser Linie haben wir nur, weil sich die Betreiber der Mittelthurgaubahn damals übernommen haben.»

Viele Höhenmeter bewältigt

Die bis dahin gemächliche Wanderung auf nahezu flacher Strecke wird in Mauren etwas beschwerlicher. Es ist die alte Verbindungsstrasse zwischen Mauren und Berg, die es zu bewältigen gilt. Jetzt wird deutlich, welche Höhendifferenz der Zug zwischen Weinfelden und Berg inzwischen zurückgelegt hat. Gerade richtig kommt hier die einladende Ruhebank für einen kurzen Zwischenhalt. Der Blick fällt auf viele bunte Pfähle neben der Bahnlinie. «Das dürften die Vorboten des Ausbaus der Bahnlinie sein», sagt Fritz Streuli. Auf dieser Strecke soll künftig das Kreuzen der Züge dank eines zweiten Gleises möglich werden.

Nachdem der Schnellzug den Bahnübergang passiert hat, geht die Wanderung Richtung Berg weiter. Ein weiterer Halt empfiehlt sich beim Friedhof Berg. Unter den Bäumen stehen einige Ruhebänke, bei sichtigem Wetter kann hier das wunderschöne Panorama genossen werden.

Eine 180-Grad-Wendung

Wieder ausgeruht geht es weiter ins Dorf Berg. Die Bahnlinie ist jetzt nicht mehr zu sehen. Vom Bahnhof Kehlhof beschreiben die Züge eine weite 180-Grad-Wendung bis über Andhausen, bevor sie Richtung Bahnhof Berg fahren. Gleich neben der Bahnstation lädt die Sonnenterrasse des Restaurants ein, die Wanderung bei einer feinen Glace ausklingen zu lassen, bevor es mit dem Thurbo zurück nach Weinfelden geht.

Bild: MAYA MUSSILIER

Bild: MAYA MUSSILIER