Dem Charme der Störche erlegen

Seit neun Jahren nisten im Garten von Werner Nater jedes Jahr Weissstörche. Erst mit deren Ankunft beginnt für den Güttinger Storchenvater der Frühling. Sein Engagement für die Störche geht über die Beobachtung hinaus.

Maya Mussilier
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Die Pappel im Garten von Werner Nater ist wieder bewohnt. (Bild: Nana Do Carmo)

Die Pappel im Garten von Werner Nater ist wieder bewohnt. (Bild: Nana Do Carmo)

GÜTTINGEN. Wie grosse Leuchttürme wirken die Pappeln, die in einem Privatgarten in Güttingen direkt am Ufer des Bodensees stehen. Schon von weitem sind auf einem der Bäume ein imposanter Horst und zwei Störche auszumachen. «Fast wie ein Uhrwerk kehrt das Männchen Romeo jedes Jahr zwischen dem 27. Februar und dem 1. März auf den Horst zurück», sagt Werner Nater, der zu den Störchen gekommen ist «wie die Jungfrau zum Kinde». Als er im Herbst 2000 in die Liegenschaft seines Grossvaters zog, hatte Werner Nater keinen speziellen Bezug zu diesen Vögeln.

«In jenem Winter mussten wir die Pappel stutzen», erzählt er. «Ein lustiger Zufall ist, dass Rainer Bodmer, ein Freund von mir und Mitbegründer des Storchenprojekts in Kreuzlingen, im Februar das Holz der Pappel holte. Noch im gleichen Jahr liessen sich auf der gestutzten Pappel die ersten Jungstörche nieder.» Etwas Sorge hätten sie schon gehabt, dass ein Sturm das Nest abräumen könnte. Doch glücklicherweise blieben die Güttinger in diesem Jahr von Stürmen verschont. Unterdessen sind die Äste der Pappel mit dem Nest verwachsen, so dass es jedem Sturm standhalten könnte.

Die Freude wuchs mit der Zeit

Werner Nater begann die Störche zu beobachten und sich über deren Bedürfnisse zu informieren. «Je mehr ich mich damit befasste, desto mehr wuchs die Freude an diesen Vögeln.» Im 2002 kehrte das Paar zurück und zog zum ersten Mal im Güttinger Garten zwei Jungtiere auf. Im Jahr darauf kehrte nur noch das Storchenweibchen Julia zum Horst zurück, der aber bereits von zwei fremden Störchen bezogen worden war. Als die beiden eines Nachts durch einen Nesträuber gestört wurden, verliessen sie den Horst. Diese Chance liess sich Julia nicht entgehen und nahm ihr Nest wieder in Beschlag. In jenem Jahr zog schliesslich auch Romeo, der aus dem südwürttembergischen Ertingen stammt, auf dem Güttinger Horst ein. «Seither haben wir jedes Jahr zwei bis vier Jungtiere», erzählt Werner Nater.

In diesem Frühling hatte Julia einige Verspätung. Doch dass es sich in der Zwischenzeit eine andere Storchendame mit Romeo in ihrem Horst niedergelassen hatte, liess sie sich nicht gefallen. Sie eroberte sich sowohl Horst als auch Männchen zurück. Längst wartet Werner Nater jeden Frühling darauf, bis «seine» Störche in den Horst zurückkehren. «Sonst wäre es für mich nicht Frühling», sagt er. Sein Engagement geht auch weit über das Beobachten der Tiere hinaus. So hat er an der Pappel einen Schutzring gegen Baumkletterer wie zum Beispiel Marder angebracht.

Blickt Werner Nater auf seine Zeit als Güttinger «Storchenvater» zurück, muss er lachen. Vor drei Jahren hielt ihn nämlich ein flügge gewordener Jungstorch in Atem. Dieser konnte bei seinen Flugversuchen nicht mehr zurück in den elterlichen Horst und landete auf dem Hausdach. «Zuerst haben wir zugewartet, ob er von den Eltern weitergefüttert wird», so Nater. «Als das nicht der Fall war, wollten wir ihn einfangen, was schliesslich in einer langen Jagd endete. Der Storch lehrte uns das Staunen. Denn er konnte besser fliegen als gedacht.» Nur den Horst habe er nicht mehr erreichen können, weil dieser zu hoch lag. Schliesslich hätten sie ihn doch eingefangen und in die Storchenstation Kreuzlingen gebracht.

Junge Störche als Geschenk

Dass die Störche in seinem Garten Junge aufziehen, sieht Werner Nater als ein grosses Geschenk, das er mit anderen Menschen teilen will. So dürfen Besucher auch den Garten betreten, um das Nest aus der Nähe betrachten zu können. Ausserdem sind Romeo und Julia richtige Weltstars. Sogar in Tansania und Nepal wird ihre Geschichte mitverfolgt. «Meine Bekannten warten immer schon ungeduldig auf die Neuigkeiten aus dem Güttinger Horst», sagt Werner Nater und lacht.