Das Stadthaus bewegt am meisten

KREUZLINGEN. Eine unterhaltsame Podiumsdiskussion erlebten die interessierten Kreuzlinger am Mittwochabend. Zum ersten Mal trafen alle acht Bewerber um einen Sitz in der Stadtregierung auf Einladung der Quartiervereine direkt aufeinander. Das Rennen um den Stadtrat ist offen.

Urs Brüschweiler
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Mirko Spada (parteilos), Fabian Neuweiler (SVP), Chris Faschon (parteilos), Thomas Beringer (EVP), Moderator Jost Rüegg, Ernst Zülle (CVP), Dorena Raggenbass (parteilos), Barbara Kern (SP) und Andreas Netzle (parteilos). (Bild: Nana do Carmo)

Mirko Spada (parteilos), Fabian Neuweiler (SVP), Chris Faschon (parteilos), Thomas Beringer (EVP), Moderator Jost Rüegg, Ernst Zülle (CVP), Dorena Raggenbass (parteilos), Barbara Kern (SP) und Andreas Netzle (parteilos). (Bild: Nana do Carmo)

Alle waren sie ins Rathaus gekommen: Gemeinderäte, Kantonsräte, Mitglieder der Schulbehörde, selbstverständlich die Oberen der Parteien, die Kirchenpräsidentin, Vertreter der Quartiervereine, die Gewa-Chefin und viele Unternehmer, Chefbeamte der Stadtverwaltung, und auch die Sport-, Musik- und Fasnachtsvereine markierten Präsenz. Die Spannung war gross, wie sich die acht Bewerber um einen Platz in der fünfköpfigen Stadtregierung im ersten direkten Aufeinandertreffen bewähren. Die vier Kreuzlinger Quartiervereine hatten Jost Rüegg – er ist Mitglied bei den Emmishofern – mit der Moderation des Abends betraut.

Mit Argumenten überzeugen

Andreas Netzle, der als Stadtpräsident am 8. März separat gewählt wird, wurde vom Publikum kritisch aufs Stadthaus-Projekt angesprochen. Er wolle mit Argumenten überzeugen, dass der Standort Bärenplatz der beste sei, und eben nicht jener an der Marktstrasse, der etwa von Stadtratskandidat Beringer bevorzugt wird. «Die Verantwortung teilen wir uns mit dem Gemeinderat», meinte Netzle auf eine enervierte Publikumsfrage, wer denn die Planungskosten trage, wenn das neue Projekt abgelehnt werden sollte.

Auch Bauminister Ernst Zülle hatte sich unter anderem mit dem Stadthaus zu beschäftigten. Er trete an, um Projekten zum Durchbruch zu verhelfen. Ein engagierter Zuhörer hatte gemutmasst, dass der Stadtrat das Projekt nicht durchbringe und doch besser dem Volk zwei Varianten zur Auswahl vorlegen solle. Zülle gab darauf ein feuriges Statement ab, dass das Stadthaus auf dem Bärenplatz deutlich mehr Sinn mache und er vehement dafür kämpfen werde.

Zwei unbestrittene Frauen

Ruhig verlief der Abend für Stadträtin Barbara Kern. Sie beantwortete die Einstiegsfrage von Jost Rüegg souverän. Sie erklärte das Erfolgsmodell des neu eingeführten Job-Coaches für jugendliche Arbeitslose. Und sie setze sich dafür ein, Leute über 55 im Arbeitsmarkt zu halten. Zu Wort kam sie dann erst wieder in der Schlussrunde, direkte Fragen an die Sozialministerin richtete das Publikum keine.

Stadträtin Dorena Raggenbass bekam über ihre beiden Statements hinaus immerhin eine Frage vom Stadtammann weitergereicht. Eine eingebürgerte Frau setzte sich dafür ein, dass die über 50 Prozent Ausländer in Kreuzlingen auch ein Stimm- und Wahlrecht erhalten. Raggenbass – im Stadtrat unter anderem zuständig für Integration – erklärte, dass dies das kantonale Recht leider verbiete. Es habe dazu einen Anstoss aus Kreuzlingen gegeben, dieser sei im Kantonsrat jedoch gescheitert. Auf Gemeindeebene gebe es deshalb keine Möglichkeit. Man habe aber immerhin den Ausländerbeirat geschaffen.

Breiter und bunter wurden das Themenspektrum und auch die Meinungsvielfalt, wenn die vier neu antretenden Bewerber angesprochen wurden. Fabian Neuweiler war der einzige am Tisch, der keine Unterlagen oder Zettel vor sich liegen hatte. Er will die Energiewende nicht rückgängig machen. «Was aus Bern kommt, müssen wir umsetzen.» Er findet aber generell, man dürfe nicht nur auf ein Pferd, sprich erneuerbare Energien, setzen. Darüber hinaus will er viel streiten im Stadtrat, so wie er es im Gemeinderat mit Ernst Zülle schon oft getan hat. «Die Auseinandersetzung ist das A und O in einer Demokratie.»

Die Neuen kämpfen

Eine solche lieferte er sich gleich mit Mirko Spada. Dieser schlug mehr Bürgerbeteiligung in Form von öffentlichen Workshops vor. Eine Idee, die Neuweiler eher kritisch sieht. «So viel kommt da nicht retour, und für etwas haben wir den Gemeinderat.» Mirko Spada machte nicht immer eine glückliche Figur, konnte manche Frage nur sehr oberflächlich beantworten. Dafür positionierte er sich als hochmotivierten Chrampfer und Wadenbeisser, der viele Ideen hat und sich «reinknien» will. Und er sei einer, der die Menschen zusammenbringen könne, in einer Stadt, in der er bereits viel Resignation spüre.

Thomas Beringer setzte bewusst Kontrapunkte zur stadträtlichen Meinung. Er will nicht nur das Stadthaus an der Marktstrasse realisieren, sondern sähe im Schiesser-Areal auch lieber ein Gewerbezentrum als ein Kulturzentrum, welches Dorena Raggenbass dort entwickeln will. Als Gewerbetreibender sei er eine gute Ergänzung für den Stadtrat, ist er sich sicher.

Chris Faschon schaffte es, mit frechen, unorthodoxen, aber nicht unklugen Ideen und Aussagen einige Anwesende zum Nachdenken zu bringen. Stadtammann Netzle etwa hörte genau hin, als er über die Verbesserung der Kommunikation aus dem Stadthaus referierte. Und nicht nur sein Konzept der «radikalen Mitte» sorgte für etwas Unruhe im Saal.

Faschon, der Farbtupfer

Schlagfertig und mit Humor konterte er auch die Spitzen von Jost Rüegg, der ihn vorstellte, als den Unbekannten, den niemand erwartete. «Ich hab mich bei meiner Mutter vergewissert, immerhin bin ich ein Wunschkind. Mein Ego ist also nicht so sehr geknickt», hatte er erwidert. Und den einzigen Szenenapplaus des Abends erntete auch Chris Faschon. Jost Rüegg hatte am Anfang etwas süffisant angemerkt, dass er mit sieben der acht Leute am Tisch per Du sei. Faschon nutzte dann den letzten Teil seiner Redezeit, um mit Jost auch noch Duzis zu machen.

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