Das rote Arbon

Dreissig Jahre hat die SP die Geschicke der Stadt bestimmt. Und ist stolz auf die Errungenschaften. Alt Regierungsrat Claudius Graf-Schelling hat ein Buch über die Sektion geschrieben, die eine Spätzünderin ist.

Max Eichenberger
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Noch ist das rote Arbon nicht verblasst. Auch der Begriff nicht. Obwohl sich die Mehrheitsverhältnisse verändert haben und seit mehr als einem halben Jahrhundert kein Sozialdemokrat mehr die Stadt regiert hat. Es sind die Errungenschaften aus der langen Epoche der SP-geführten Stadt wie die öffentlichen Seeuferanlagen und das Strandbad, woran im Zusammenhang mit dem roten Arbon gerne erinnert wird.

Claudius Graf-Schelling, der für die SP bis vor einem Jahr in der Kantonsregierung sass, hat die Geschichte des Roten Arbon aufgearbeitet und dazu ein Buch verfasst. Den Anstoss dazu gab dem Polit-Pensionär das runde Jubiläum der SP-Ortspartei. Über seine Arbeit am Buch und seine Funde in den Archiven sprach Graf bei der Museumsgesellschaft.

Eingestehen muss sich die SP rückblickend, dass sie eigentlich eine Spätzünderin ist. Denn in der Schweiz (seit 1888) und im Thurgau (ab 1906) gab es die Sozialdemokratische Partei schon lange vor der Gründung einer Ortssektion - und das in einer klassischen Arbeiterstadt. Es sei «Druck von oben» nötig gewesen. Zwar hat es den sozialdemokratischen Frauen- und Töchterverein, den Grütli- und Arbeiterverein, gewerkschaftliche Vereinigungen und die daraus entstandene Arbeiterunion gegeben – doch verzettelt seien dieses Organisationen bedingt schlagkräftig gewesen.

Die SP-Gründung im Schützengarten (heute «Krone») war dann offenbar ein überfälliger Zusammenschluss – denn nicht einmal in der Arbeiterzeitung fand sie Erwähnung.

Wahlbeteiligung lag bei 93,2 Prozent

In der Ortsverwaltung gewann die SP in den Wahlen von 1922 auf fünf von elf Sitzen. Unter ihnen ein Mann, der zu einer prägenden Figur werden sollte: August Roth. Als fast schon «glückliche Fügung» bezeichnete Graf die Niederlage des Juristen Roth gegen den bürgerlichen Nicht-Juristen Heinrich Vogt-Gut im Kampf um das Gerichtspräsidium.

Roth setzte darauf voll auf die Karten Politik, wurde zunächst Vizeortsvorsteher. Die SP, die mittlerweile die Mehrheit im Rat erlangt hatte, strebte nach mehr. Denn das Fehlen eines Ressortsystems zentrierte die Macht stark beim Gemeindeammann.

1928 vermochte Roth den bürgerlichen Amtsinhaber Karl Günther aus dem Amt zu hieven – bei einer aus heutiger Sicht unvorstellbaren Wahlbeteiligung von 93,2 Prozent. Man habe einen Schlepperdienst aufgezogen, der pflichtvergessene Genossen an die Urne gebracht habe. Mit Roth, der bald auch Nationalrat und Thurgauer Regierungsratsmitglied wurde, sei das rote Arbon noch röter geworden.

Die politische Instrumentalisierung des Sports sei nicht von ungefähr gekommen, so Graf: «Verkürzte Arbeitszeiten und bezahlte Ferien ermöglichten eine neuartige Gestaltung der Freizeit.» Das Strandbad im Buchhorn ist ein Gemeinschaftswerk. In der Zeit der Wirtschaftskrise waren Arbeitslose auch für Bachkorrektionen oder bei Brückenbauprojekten eingesetzt worden.

Die von Roth angestossene und von dessen Nachfolger Franz Hayoz in Etappen durchgezogene Seeufergestaltung wurde gegen den Widerstand der Bürgerlichen realisiert. Diese wollten «keine Goldküste» und malten eine Steuererhöhung von 50 Prozent an die Wand. Mit Hayoz' Pensionierung 1957 endete die Zeit des roten Arbon. Was nicht zwingend gewesen wäre. Der designierte Nachfolger Rolf Weber hätte wohl die Wahl geschafft, hätte er sein Gerichtspräsidium aufgegeben. Hayoz, einst Fräser und dann Krankenkassenverwalter, war dann auch als Ammann eher der Verwalter und hatte nicht das politische Format des Vorgängers. Auch die sozialistischen Subkulturen verloren an Bedeutung: das Turnen im Satus, das Singen von Tendenzliedern im Arbeitermännerchor wie das Mittun im Sozialistischen Abstinentenbund.