Das Opfer hatte keine Chance

BISCHOFSZELL. Im Roman «Die Verlorene» schildert Schriftstellerin Michèle Minelli das Schicksal der vergewaltigten Bischofszellerin Frieda Keller. Die junge Frau litt unter der gesellschaftlichen Ächtung und unter einer frauenfeindlichen Justiz.

Georg Stelzner
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Schriftstellerin Michèle Minelli vor dem Eingang zum Haus Kirchgasse 19 in Bischofszell. Hier war Frieda Keller, die Protagonistin des Romans «Die Verlorene», als Kind zu Hause. (Bild: Georg Stelzner)

Schriftstellerin Michèle Minelli vor dem Eingang zum Haus Kirchgasse 19 in Bischofszell. Hier war Frieda Keller, die Protagonistin des Romans «Die Verlorene», als Kind zu Hause. (Bild: Georg Stelzner)

Frau Minelli, Sie behandeln im Roman «Die Verlorene» einen Kriminalfall, der sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts ereignet hat. Wie sind Sie auf diesen Stoff gestossen?

Michèle Minelli: Ich bin von einem Journalisten, der mit meinen Eltern befreundet ist, auf die Lebensgeschichte Frieda Kellers aufmerksam gemacht worden. Eines Tages hat mich der Journalist besucht und mir Kopien von Akten dieses Falles gezeigt.

Was hat Sie bewogen, diesen Roman zu schreiben?

Minelli: Die Lektüre des Todesurteils und der Gnadengesuche haben mich tief bewegt. Ebenso eine Fotografie der Verurteilten. Die Texte waren schauderhaft. Mein Eindruck war, dass Frieda Keller im Gerichtsprozess nicht den Funken einer Chance hatte. Mein schriftstellerisches Interesse war damit geweckt.

Wie sind Sie bei der Umsetzung vorgegangen? Waren die Recherchen für dieses Buch schwierig?

Minelli: Ich habe zuerst die Dokumente und Akten in den Staatsarchiven von St. Gallen und Frauenfeld durchgesehen, dann die Schauplätze in Bischofszell aufgesucht und zuletzt mit Leuten gesprochen, von denen ich mir Auskünfte erhoffte. Ich recherchiere sehr gerne. Diese Tätigkeit macht mir fast gleich viel Spass wie das Schreiben. Für die Realisierung des Buches habe ich zweieinhalb Jahre gebraucht.

Hat sich der Roman so entwickelt, wie Sie es erwarteten, oder kam es zu überraschenden Wendungen?

Minelli: Im grossen und ganzen konnte ich den Roman so verwirklichen, wie es meine ursprüngliche Intention war. Während des Schreibens bin ich jedoch zur Überzeugung gelangt, dass es in Anbetracht des düsteren Stoffes gut wäre, auch heitere Figuren einzubauen.

Was fühlten Sie, als Sie die Originalschauplätze aufgesucht haben?

Minelli: Es war ein emotionales Erlebnis, wie ich es in dieser Intensität noch nie erlebt hatte. Die weitgehend unveränderte Kulisse der Altstadt trug sicher dazu bei. Die Stimmung im Keller des Restaurants Post, wo die Vergewaltigung stattgefunden hatte, war sehr beklemmend.

Ist es für Sie wichtig, sich persönlich an jene Orte zu begeben, die in Ihren Werken vorkommen?

Minelli: Ja. Solche Besuche regen meine Phantasie ungemein an. Das kann schon das blosse Läuten einer Glocke oder ein vom Wind verursachtes Geräusch sein. Ich habe immer einen Notizblock und eine Fotokamera dabei, um Eindrücke und Beobachtungen festzuhalten.

Sie hatten bei Ihren Nachforschungen auch Kontakt mit Einheimischen. Wie ist man Ihnen begegnet?

Minelli: Total offen und freundlich. Leute wie Hans Frischknecht vom Historischen Museum Bischofszell, Gottlob Lutz vom Textilmuseum Sorntal oder Hildegard Gremli waren mir eine grosse Hilfe. Obwohl ich für sie eine fremde Person war, hat mich Frau Gremli in ihre Wohnung, das frühere Zuhause von Frieda Keller, gelassen. Vieles, was ich gesehen habe, konnte ich für den Roman verwenden.

Wie gross sind die Freiheiten, die Sie sich beim Schreiben zugestehen?

Minelli: In einem Roman sind diese Freiheiten grenzenlos. So ist zum Beispiel die Kindheit von Frieda Keller reine Fiktion. Weil aber sehr viele historische Quellen vorhanden sind, habe ich versucht, die Gefühle und Gedanken Frieda Kellers gewissermassen zu rekonstruieren. So ist mir klar geworden, dass diese Frau eine Person war, in deren Leben es nie Alternativen gab.

Gibt es Verhaltensmuster, die in Ihrem Roman geschildert werden, auch heute noch?

Minelli: Ja. Als Opfer eines Sexualdelikts muss eine Frau immer noch damit rechnen, dass ihre Aussagen angezweifelt werden. Wir leben in einer Gesellschaft, die dazu neigt, das Unvorstellbare nicht als Tatsache anzuerkennen. Zuallererst kommt es zu einer Abwehrhaltung gegen das, was man nicht hören will.

Mit welchen Gefühlen und Erwartungen blicken Sie Ihrer Lesung in Bischofszell entgegen?

Minelli: Zum einen freue ich mich, dass die Lesung gerade in Bischofszell stattfindet, zum andern werde ich etwas nervöser sein als sonst, weil sich vermutlich viele Kenner der Stadt im Publikum befinden werden.