«Das kann man nicht lernen»

ITTINGEN. Gespräche über Kunst müssen nicht elitär sein. Das bewies Kunstmaler Willi Oertig, als er Einwohner von Kradolf-Schönenberg durch seine Ausstellung in der Kartause Ittingen führte. Organisiert hatte den Anlass die Gemeinde.

Christof Lampart
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Führen durch die Ausstellung: Konservator Markus Landert und Kunstmaler Willi Oertig. (Bild: Christof Lampart)

Führen durch die Ausstellung: Konservator Markus Landert und Kunstmaler Willi Oertig. (Bild: Christof Lampart)

Fast jeder hat schon einmal folgende, leidvolle Erfahrung gemacht. Ein kluger Mensch löchert sein Gegenüber während einer Stunde dermassen mit Fragen, dass der Grossteil des geneigten Publikums spätestens zur Halbzeit verstohlen auf die Uhr blickt oder im schlimmsten Fall nicht einmal mehr das tut, weil er inzwischen eingenickt ist.

Dass es auch anders geht, zeigt der Kradolfer Kunstmaler Willi Oertig am vergangenen Sonntag, als er mit einem Car voller Freunde und Bekannte aus der Gemeinde Kradolf-Schönenberg zur Kartause Ittingen fährt. Anlass für diesen, von seiner Wohngemeinde organisierten Ausflug ist Oertigs eigene, umfassende Werkschau «Wenn ich etwas bin, dann bin ich ein Indianer». Sie wird gegenwärtig im Kunstmuseum des Kantons Thurgau in der Kartause Ittingen gezeigt.

Ein Bild «on fire»

Über 50 Personen sind gekommen, um «ihren» Willi, mit dem man so herrlich schwatzen kann, inmitten seiner Bilder zu sehen und zu hören. Denn maulfaul ist der Maler mitnichten. Wenn Konservator Markus Landert ihn auf die präzise Gegenständlichkeit seiner Bilder festzunageln versucht, tut der Künstler fast jeden Erklärungsversuch als nicht massgebend ab. Ausser einen vielleicht. Seine Bilder, die er nach fotografischen Vorlagen malt, seien stets Ausschnitte einer gesehenen Realität, doch bilde er nie plakativ ab, betont Oertig.

Und tatsächlich erzählen Willi Oertigs Werke auch jenem Betrachter ganze Geschichten, der noch nie in Kradolf, München oder Paris war. Das blanke Plastikeinwegfeuerzeug auf dem Tisch, das bei den meisten zur nichtssagenden Banalität verkommen wäre, sagt durch Oertigs spitzen Pinselstrich mehr als tausend Worte aus. Es ist gewissermassen ein Bild «on fire» – auch oder gerade weil sich das Feuerzeug im Ruhezustand befindet.

Nur kurze Zeit zufrieden

Es ist ein schwer zu beschreibender, fast unwirklicher Zauber, der über Oertigs Bildern liegt. Und das weiss der selbstbewusste Kunstschaffende auch. «Ich kann malen, was andere nicht können. Es gibt sicherlich Hunderte von Zeichenlehrern, die besser zeichnen können als ich. Aber was ich kann, kann man nicht lernen.» Wohl aber an der Gabe konsequent weiterschaffen – und das tut Oertig immer. «Ich bin selten und dann nur für kurze Zeit zufrieden. Danach muss ich mit etwas Neuem weitermachen.»

Eine Welt voller Bilder

Dennoch verhehlt Oertig nicht, dass er gerne Kunstmaler ist. «Jeder macht doch besonders gern, was er besonders gut kann. Da geht es Euch allen doch nicht anders als mir. Bei mir ist es nun mal das Malen», wendet er sich an die Leute aus der Gemeinde Kradolf-Schönenberg. Mit einer Mischung aus Gelassenheit und rebellischer Attitüde hat der Kradolfer bis anhin gegen 1000 Bilder gemalt und ist – wohl gerade deswegen – jung geblieben.

Eine Besucherin will wissen, warum er gerade den SBB-Güterschuppen oder die «Teigi» in Kradolf gemalt habe. Oertig stutzt ein wenig, ist doch die Frage für ihn fast unverständlich. Denn «die Welt ist doch überall voller Bilder, die nur darauf warten, gesehen zu werden», sagt er. Auch in Kradolf gibt es diese. Und nach Oertigs Schilderungen, nach dem Gang durch die Ausstellung, ist man fast versucht zu sagen: Ja, vielleicht sogar ganz besonders da.

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