Das Handwerk verliert

AMRISWIL. Die Teilnehmer einer Podiumsdiskussion zum Thema «Duales Bildungssystem» waren sich einig, dass die Schweiz genügend Maturanden hat.

Gunhild Rübekeil
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Diskutierten über das duale Bildungssystem: Karl Spiess, Richard Nägeli, Jürg Hofer und Gustav Saxer. (Bild: Gunhild Rübekeil)

Diskutierten über das duale Bildungssystem: Karl Spiess, Richard Nägeli, Jürg Hofer und Gustav Saxer. (Bild: Gunhild Rübekeil)

Die Maturaquote in der Schweiz steigt seit Jahren, liegt im internationalen Vergleich jedoch mit gut 20 Prozent nach wie vor weit unter dem Durchschnitt. Um die Frage, ob mehr Kinder zur Gymnasialausbildung zugelassen werden sollten, ist eine politische Debatte entbrannt. Während Bildungsminister Johann Schneider-Ammann «lieber weniger, dafür bessere Maturanden» sehen will (NZZ), empfindet es der Zürcher Geschichtsprofessor Philipp Sarasin als «zynisch, wenn man den eigenen Kindern den Gang aufs Gymnasium erschwert, dafür aber Akademiker aus der ganzen Welt importiert» (10vor10).

Kein Auslaufmodell

Die SVP Amriswil beleuchtete das Thema im Rahmen einer Podiumsdiskussion unter Moderation von Karl Spiess und hatte dazu Gustav Saxer (Prorektor Kantonsschule Romanshorn), alt Kantonsrat Richard Nägeli (Bau-Ingenieur und Firmeninhaber) sowie Jürg Hofer (Prorektor Gewerbliches Bildungszentrum Weinfelden) eingeladen. Das Duale Bildungssystem sei beileibe kein Auslaufmodell, waren sich die Teilnehmer einig, sondern müsse im Gegenteil gestärkt werden.

Das Handwerk verliere mehr und mehr an Stellenwert in der Gesellschaft, so Nägeli, der dafür plädierte, die Stärken des Schweizer Systems speziell gegenüber internationalen Konzernen besser zu kommunizieren. Im Ausland seien Maturaquoten bis zu 90 Prozent üblich, das sei für viele Arbeitgeber der Massstab. «Matchentscheidend ist jedoch, motivierte Mitarbeiter zu haben, und das sind jene, die den richtigen Beruf für sich gefunden haben.» Sorgfältige Berufsorientierung sei das A und O.

Berufswahl überprüfen

Für Jürg Hofer gehören deshalb Gespräche mit den Schülern zur Tagesordnung. «Am Bildungszentrum schauen wir nach einem halben Jahr, wo die Jugendlichen stehen, und reden mit ihnen über ihre Berufswahl.» Die Durchlässigkeit des Bildungssystems ermögliche die Umstufung nach oben oder nach unten, das sei eine seiner Stärken. Auch ein späteres Studium sei trotz fehlender Matura noch möglich.

Gustav Saxer hat allerdings die Erfahrung gemacht, dass Schnuppertage kaum auf Interesse stossen. Zu Orientierungsgesprächen kämen häufig nur die Eltern, obwohl doch die Zukunft ihrer Kinder das Thema sei. Als Sekundarschulpräsident habe er den Eindruck gewonnen, dass viele Jugendliche die Entscheidung für einen Beruf hinauszögern. «Die Folge sind 10. Klassen voller Schüler ohne Orientierung und Motivation.» Ein Fehler ist in den Augen Saxers, dass Budgets nach Schülerzahlen vergeben werden. «Globalbudgets würden einen sinnvollen Einsatz erleichtern und verhindern, dass die höheren Schulen um Kinder werben, die später keine Chance haben.»

Dass in der Wohlstandsgesellschaft Berufe nur nach Ansehen und nicht nach Bedarf gewählt würden, sei eine Fehlentwicklung, sagten die Diskussionsteilnehmer. «Wir müssen die Werte neu definieren.» Dazu gehöre auch, offen über das Tabuthema Lohn zu sprechen, warf ein Zuhörer ein. Ein Handwerker verdiene, übers Berufsleben gesehen, mittlerweile mehr als ein Akademiker.