Das Gesicht der Stadt verändert sich

Ob der Löwensaal, der «Rebstock» oder die EPA: Urs Lang hat die Veränderungen der Stadt Kreuzlingen auf Bildern dokumentiert. Seine Liebe zur Heimat bewegt ihn dazu, alles festzuhalten. Aber angefangen hatte alles mit einer Aufgabe, die er als Lehrling erledigen musste.

Michèle Vaterlaus
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Urs Lang zeigt seine Sammlung von alten Bildern aus Kreuzlingen. (Bild: Reto Martin)

Urs Lang zeigt seine Sammlung von alten Bildern aus Kreuzlingen. (Bild: Reto Martin)

KREUZLINGEN. Wo die EPA stand, war einst die Metzgerei Gross, beim heutigen Mowag-Kreisel stand das Restaurant Rebstock, und wo heute ein Parkplatz ist, war früher mal der Löwensaal. Das Gesicht von Kreuzlingen ändert sich ständig. Auch unter dem beobachtenden Blick von Urs Lang. Der Kreuzlinger hat es sich zum Hobby gemacht, Bauten, die abgerissen werden sollen, zu fotografieren. So hat er die Stadt, wie sie einst war und heute ist, in Bildern dokumentiert. Sechs Ordner sind voll damit. Auch Postkarten aus dem 19. Jahrhundert reihen sich in die Sammlung ein.

Unter Insidern kennt man Urs Lang als Sammler. Unter Kreuzlingern allgemein bekannt wurde der 59-Jährige durch Facebook. Auf der Seite «Du bisch vo Chrüzlinge wenn…» hat er aus purer Neugier mal ein Bild des alten Kreuzlingen gepostet. «Es kamen viele Reaktionen. Ich war erstaunt, dass sich die Leute dafür interessieren.» Seitdem postet er immer wieder Fotos. Beispielsweise vom berühmten «Hirschen»-Keller, der in den 1960er-Jahren abbrannte.

Boom in den 1970ern

Angefangen hatte alles mit seiner Aufgabe als Lehrling. «Als ich in der Lehre zum Hochbauzeichner war, musste ich ab und zu raus und jene Gebäude fotografieren, bei welchen wir ein Projekt planten», erinnert sich Urs Lang. Damals, in den 1970er- Jahren, sei vieles abgebrochen und neu gebaut worden. Die Veränderung habe ihn fasziniert, und irgendwann habe er angefangen, auch privat auf den Auslöser zu drücken. Was er nicht mehr erwischt hat oder was vor seiner Zeit abgebrochen wurde, treibt er anderswo auf. «Ich gehe an Auktionen und ersteigere Karten und Fotos», sagt er. «Manche Sachen bekomme ich auch einfach durch Kontakte.» Auch per Facebook knüpfte er Kontakte. «Konkret ist nichts. Aber ich werde mich mit jemandem treffen, der mir alte Bilder von seinen Grosseltern verkaufen will.»

Urs Lang wohnt schon sein ganzes Leben lang in der Grenzstadt. Er ist in Kurzrickenbach gross geworden, ist hier zur Schule gegangen und hat die Lehre in Kreuzlingen absolviert. Wegziehen kommt für ihn nicht in Frage. «Warum auch?» Nur einmal war er für ein halbes Jahr fort. «Ich arbeitete in der Lenzerheide für einen Wettbewerb.» Er sei sehr gerne wieder nach Hause gekommen. Später hat er ein Haus an der Waldrainstrasse gebaut, wo er mit seiner Frau lebt.

Und in diesem Haus verleiht Urs Lang seiner Heimatliebe ebenfalls Ausdruck. Dort zieren Stiche von Ermatingen, Kreuzlingen bis Arbon die Wände. Er wechselt die Bilder ständig aus, weil er so viele hat. Doch der Wechsel findet immer in Absprache mit seiner Frau statt, die ihrerseits eine Vorliebe für Bilder von Hundertwasser hat.

Er studiert die Baugesuche

1000 Fotos und 1000 Postkarten zählt Urs Langs Sammlung mittlerweile. Vollständig wird sie wohl nie sein. Denn immer wieder verändert sich das Gesicht der Stadt. Ein Gebäude wird abgebrochen, ein neues erbaut. Manchen Gebäuden trauert der heutige Polier nach, beispielsweise dem «Bellevue», der alten Metzgerei Gross oder der Uhler-Villa. «Das sind Gebäude, die wären erhaltenswert gewesen», sagt er. Aber grundsätzlich ist er der Meinung, dass die Veränderung sein muss. «Man muss mit der Zeit gehen, heute lebt man anders als früher, Häuser passen zum Beispiel allein von der Raumaufteilung nicht mehr.»

Damit Urs Lang nicht verpasst, ein Gebäude zu fotografieren, dessen Tage gezählt sind, studiert er die Baugesuche in der Stadt. Jedesmal notiert er sich das Abbruchdatum.

Post von Adolf Dietrich

Einen Ausreisser gibt es in der Sammlung von Urs Lang. Er besitzt eine Postkarte von Adolf Dietrich, die der Maler von Berlingen aus nach Mannenbach geschickt hatte. Lang zuckt mit den Schultern: «Ich habe sie gesehen und gekauft.» Er schaut von der Karte auf und sagt: «Diese Sammlung ist eigentlich eine Heimatsammlung.»

Der Löwensaal wurde im Jahr 2002 abgebrochen. Heute parkieren auf dem Gelände Autos. (Bild: pd)

Der Löwensaal wurde im Jahr 2002 abgebrochen. Heute parkieren auf dem Gelände Autos. (Bild: pd)

Das Restaurant Rebstock wurde im Jahr 1974 abgerissen. Heute steht dort ein Mehrfamilienhaus mit Gewerbe im Erdgeschoss. (Bild: pd)

Das Restaurant Rebstock wurde im Jahr 1974 abgerissen. Heute steht dort ein Mehrfamilienhaus mit Gewerbe im Erdgeschoss. (Bild: pd)

Die Metzgerei Gross stand am EPA-Kreisel, sie wurde 1971 abgebrochen. Heute steht an dieser Stelle das Ceha. (Bild: pd)

Die Metzgerei Gross stand am EPA-Kreisel, sie wurde 1971 abgebrochen. Heute steht an dieser Stelle das Ceha. (Bild: pd)

Bild: MICHèLE VATERLAUS

Bild: MICHèLE VATERLAUS

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