Das Erbe des Schlossherrn

Schloss Weinfelden gehört August von Finck. Noch. In der deutschen Adelsfamilie tobt ein Streit unter Brüdern. Eine Spurensuche von Markus Schär («Weltwoche»).

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Hoch über Weinfelden thront das Schloss der Familie von Finck. (Archivbild: Mario Testa)

Hoch über Weinfelden thront das Schloss der Familie von Finck. (Archivbild: Mario Testa)

WEINFELDEN. Es ist eine Kampfansage, das weiss Helmut von Finck. Er steht vor dem Schloss, um das Nebelschwaden wabern – und das er zurückhaben will. Mit seinem Lächeln verströmt der 55-Jährige einen jungenhaften Charme. Sein Vater August von Finck senior kaufte 1972 das abbruchreife Schloss Weinfelden. Helmuts Halbbruder August von Finck junior wohnt seit 1998 angeblich als grösster Steuerflüchtling Deutschlands in der umgebauten Residenz über dem Thurtal. Aber Helmut von Finck kämpft darum, dass das Anwesen ihm gehört.

Den Schmuck aufgeteilt

Der Sohn eines Multimilliardärs kann sich nur an einen Besuch hier erinnern. 1982, zwei Jahre nach dem Tod des Vaters, teilten die Erben seine auf genau 3 938 770 D-Mark bezifferte Sammlung im Schloss auf: Schmuck, Gemälde, Antiquitäten, darunter das Porzellanservice von Katharina der Grossen. Helmut von Finck erzählt über dieses Familientreffen: «Ich sollte bei den Sachen, die ich wollte, Punkte hinkleben; aber überall, wo ich einen hinkleben wollte, klebte schon einer. Ich sagte mir: Dann will ich gar nichts.»

Als Helmut von Finck am 14. Februar 1985 seine beiden Halbbrüder Wilhelm und August das nächste und letzte Mal sah, gab er sein ganzes Erbe auf. Nach dem Tod des Vaters in die Drogen abgestürzt und von der Bhagwan-Sekte angezogen, an Asthma und Depressionen leidend, unterschrieb er willenlos eine Vereinbarung: Er verkaufte seinen beiden Halbbrüdern seinen Erbteil für 65 Millionen D-Mark – dabei betrug dessen Wert damals gemäss Schätzungen mindestens 760 Millionen. Wie kam der 25jährige Hippie dazu? Diese Frage erörterte in den vergangenen Jahren das Landgericht München. Der renommierteste Gerichtspsychiater Deutschlands, Professor Henning Sass, verfasst derzeit ein Gutachten. Es kann darüber entscheiden, wem künftig das Schloss Weinfelden, aber auch grosse Beteiligungen an den Schweizer Konzernen Mövenpick, Von Roll und SGS gehören.

Helmut ist nur Vorerbe

Das Verfahren läuft seit bald zwölf Jahren, weil Wilhelm und August von Finck eine Klausel im Testament ihres Vaters missachteten: Es setzte den Sohn Helmut nur als Vorerben für einen Nachfahren ein. Dieser, Nino von Finck, kam aber acht Monate nach dem Handel unter Halbbrüdern auf die Welt. Als Volljähriger fragte er im November 2003 seine Onkel per Brief an, was ihm als Erbe zustehe. Und er klagte bei Gericht, als sie die Auskunft verweigerten, durch alle Instanzen. Der Bundesgerichtshof gab ihm 2009 recht, letztes Jahr nahm sich das Landgericht München wieder des Falles an.

War Helmut von Finck am 14. Februar 1985 überhaupt geschäftsfähig? Dies ist nur die erste Frage, die das Gericht klären muss. Die zweite und die dritte sind noch heikler: War das Geschäft sittenwidrig, weil Helmut von Finck seinen Erbteil, also jenen seines Sohnes, weit unter Wert verhökerte? Und vor allem: Ist es eigentlich August von Finck junior, der enterbt werden müsste, weil er gegen den letzten Willen seines Vaters verstiess? Der Ausgang des Prozesses ist offen.

Die Geschichte begann in den frühen Siebzigerjahren, als in der Bundesrepublik unsichere Zeiten anbrachen, zumindest für einen schwerreichen Bankier wie August von Finck senior. Einerseits drohten unter der ersten linksliberalen Regierung schmerzhafte Steuererhöhungen für die Reichen. Anderseits entführte die Rote-Armee-Fraktion Prominente. August von Finck senior suchte einen Weg, um sein Vermögen zu retten.

Die Möglichkeit, sich notfalls in die Schweiz abzusetzen, eröffnete sich dem adligen Bankier, als 1971 Schloss Weinfelden per Inserat in der NZZ zum Verkauf stand. Die Feste am Ottenberg stammt aus dem Hochmittelalter; von 1614 bis 1798 hausten darin die Obervögte der Stadt Zürich. Die letzten Besitzer aus einer jüdischen Zürcher Familie konnten das zerfallende Schloss nicht mehr erhalten, die Gemeinde und der Kanton die Millionen für eine Sanierung nicht aufbringen.

Deshalb empfingen die Weinfelder den Interessenten aus München freundlich, was landesweit Kritik erregte, weil die Lex von Moos den Verkauf von Liegenschaften an Ausländer verbot. August von Finck richtete gemäss den Vorschriften der Denkmalpflege das Schloss schöner als zu seinen besten Zeiten wieder her. So bekam er am 1. Dezember 1972 vom Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement die Bewilligung zum Kauf. Der neue Besitzer zahlte für das Schloss samt Wald und Wiesen 340 000 Franken und steckte mehrere Millionen in die Restauration. Im Nachlass von 1980 galt für die Liegenschaft ein Wert von 4 747 000 Franken.

Tochter geht leer aus

August von Finck senior starb am 22. April 1980. Das Milliardenerbe antreten konnten nach der Enterbung des dritten Sohnes Gerhard noch die beiden Söhne aus erster Ehe, Wilhelm und August, damals 52 beziehungsweise 50 Jahre alt, sowie der jüngere Sohn aus zweiter Ehe, der damals 21jährige Helmut. Da gab es zwar noch eine Tochter aus erster Ehe, aber Frauen gelten in der Dynastie nicht als geschäftsfähig.

1942 hatte sich August von Finck senior von seiner ersten Frau Margot von Rücker getrennt. Die beiden Söhne Wilhelm und August stiegen zwar in die Münchner Privatbank Merck Finck & Co. des Vaters ein, brachten es aber nicht zu seiner Anerkennung. Der Jüngste genoss in der Kindheit noch das Wohlwollen des Vaters. Aber auch Helmut verlor die Gunst, als die Schulleistungen nicht genügten. Nach dem zwölften Geburtstag sprach der Vater nicht mehr mit dem jüngsten Sohn. Der Jüngling suchte mangels Familie den Halt und das Heil anderswo; er weilte bei Bhagwan in Indien, als am 22. April 1980 der Vater am Geschäftspult starb. Danach stürzte er völlig in Drogen, Depression und Therapien ab.

In dieser Lebensphase bestellten Wilhelm und August von Finck ihren Halbbruder am 14. Februar 1985 zum Notar, ohne jeglichen Beistand. Dort trat Helmut den beiden Halbbrüdern seinen Erbteil für eine «einmalige endgültige Zahlung in Höhe von 65 000 000 D-Mark» ab. Helmut von Finck bekam 1989 sein Leben wieder in den Griff. Er stieg in die Pferdezucht ein und kaufte ein Gestüt in der Lüneburger Heide.

Von Finck kommt mit Heli

Wilhelm von Finck überliess seinem Bruder August Bank und Schloss. Seither ist August von Finck Schlossherr in Weinfelden. Die Gemeinde merkt allerdings nicht viel von ihrem milliardenschweren Mitbürger. Er zeigt sich, anders als sein Vater, kaum im Dorf und hält nur jeweils einen Schwatz mit dem Bauern, auf dessen Wiese er landet, wenn er mit dem Helikopter einfliegt. Der reichste Mann im Thurgau spendete bei der Neuuniformierung des Musikvereins Weinfelden die Hälfte der Kosten: 50 000 Franken. Ob er tatsächlich in Weinfelden wohnt, bleibt geheim wie fast alles im Imperium von Finck. Zu erfahren ist nur, dass August von Finck offenbar 1998 ein Pauschalbesteuerungsabkommen abschloss. Jetzt strecken Helmut von Finck und sein Sohn Nino ihre Fühler nach dem Schloss aus.

War Helmut von Finck am 14. Februar 1985 bei Sinnen? Zu dieser Frage hörte das Landgericht im letzten Jahr an sieben Prozesstagen Zeugen an, bis hin zum Kellner seines Stammlokals, der für ihn die Drogen beschaffte. Das Gutachten von Professor Henning Sass soll bis im Frühling vorliegen, dann nimmt sich das Gericht der beiden anderen Fragen an: einerseits die allfällige Sittenwidrigkeit des Geschäfts im Februar 1985, anderseits die mögliche Enterbung des 85jährigen August von Finck junior, Schlossherr in Weinfelden.

In einer dreiteiligen Serie berichtet derzeit die «Weltwoche» über einen Streit zwischen den Erben von Schloss Weinfelden. Die TZ gibt die Recherche gekürzt wieder.