Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Daria ist ein Gewinn für die Klasse

Fast wäre sie nicht in eine Regelklasse gekommen. Doch ihre Eltern haben dafür gekämpft, dass Daria Felsberg trotz ihrer Muskelkrankheit eine ganz normale Klasse besuchen darf. Martina Eggenberger Lenz (Text) und Reto Martin (Fotos) waren auf Schulbesuch in Tägerwilen.
Der Laptop kommt zum Einsatz, wenn Daria die Kraft ausgeht. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Der Laptop kommt zum Einsatz, wenn Daria die Kraft ausgeht. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

TÄGERWILEN. Lehrerin Nadine Bollmann bittet ihre Schüler in den Kreis. «Hey Daria, chömmer hüt abmachä?», will ein Mädchen unterwegs vom Platz nach vorne von seinem Gschpänli wissen. «Klärt das bitte in der Pause», mahnt die Lehrerin. Die Kinder nehmen auf Bänken vor der Wandtafel Platz. Daria umsteuert mit ihrem Rollstuhl geschickt das Mobiliar und reiht sich zwischen den Mitschülern ein. Jetzt sind alle Blicke auf die Lehrerin gerichtet. Sie erklärt, wie sich ein Datum zusammensetzt, welche Zahlen für Tage, Monate und Jahre stehen.

Dann geht es zurück an das Pult. Jeder soll für sich das eben Gelernte mit einem Arbeitsblatt trainieren. Daria erhält dabei Unterstützung. Ling Phiaphakdy ist als so genannte Klassen-Assistenz während der ganzen Unterrichtszeit an der Seite des Mädchens. Daria hat spinale Muskelatrophie. Das ist eine Erbkrankheit, die eine Degeneration der Muskulatur zur Folge hat. Körperlich ist die Siebenjährige eingeschränkt. Geistig ist sie aber topfit. Darum haben ihre Eltern auch sehr dafür gekämpft, dass die Tochter ganz normal beschult wird.

Die Dorfschule bot Hand

Integrative Schule heisst das, wenn ein Kind mit einer Beeinträchtigung in eine Regelklasse geht. Den Kindergarten konnte Daria noch in ihrem Wohnquartier besuchen. Das ging unbürokratisch. Die Kindergärtnerin war sehr offen und engagiert, eine Klassen-Assistentin parat. Als dann der Übertritt in die erste Klasse bevorstand, fanden sie eine geeignete Lösung in Tägerwilen. Innert Kürze war alles organisiert. Lehrerin Nadine Bollmann, übrigens frisch von der Pädagogischen Hochschule, erhielt ein Zimmer im rollstuhlgängigen Erdgeschoss, die Klassen-Assistentin wurde eingestellt. Das Abenteuer Schule konnte für Daria beginnen. Jetzt nimmt Daria wie ihre Mitschüler einen Bleistift in die Hand, um die Aufgaben auf dem Blatt zu lösen. Sie schreibt schön, kommt aber langsam voran. Ling Phiaphakdy stützt den Unterarm der Schülerin. Ohne grosse Worte verständigen sich die zwei. Als Daria etwa die Hälfte der Aufgaben gelöst hat und ermüdet, wird die Lehrerin gerufen. Kurzerhand scannt sie das Arbeitsblatt ein und Daria darf es am Laptop weiter bearbeiten. Auch das ist nicht ganz einfach für sie. Grössere Bewegungen mit Händen und Armen fallen ihr schwer. Wenn es gar nicht mehr geht, sagt sie die Lösungen der Hilfslehrerin vor. Wer fertig ist, darf das Blatt vorne abgeben. Daria macht das auch – nur halt eben mit dem Rollstuhl statt zu Fuss. Es ist sonnenklar: Dieses Mädchen lässt sich von seiner Krankheit nicht aufhalten. Es ist überall dabei.

Mitschüler sind sehr sozial

Natürlich gibt es Einschränkungen. Zum Beispiel nimmt Daria nicht am Turnunterricht teil. In dieser Zeit geht sie in die Physiotherapie, viermal die Woche. Wenn aber die Klasse einen Ausflug zum Eisfeld unternimmt, fährt Daria mit. Und wenn Sporttag ist, wird sie eingebunden. «Auch wenn das schon Momente sind, wo man merkt, dass es Daria angurkt, dass sie nicht wie die anderen herumrennen kann», sagt die Lehrerin. Nadine Bollmann findet, dass die anderen 22 Schüler sehr von Daria profitieren. «Diese Klasse ist dadurch äusserst sozial.» Man achte aufeinander, fühle mit. Nadine Bollmann macht auch klar, dass für Daria genau die gleichen Anforderungen gelten wie für die anderen. «Sie ist im Kopf total vif. Die Regelklasse ist definitiv der richtige Ort für sie.»

Die «Bombe» rollt an ihr vorbei

Bevor sich der Schulmorgen dem Ende zu neigt, werden die Kinder noch einmal nach vorne in den Kreis gerufen. Singen steht auf dem Programm. Die Lehrerin zeigt Rhythmus-Spiele. Die Schüler klatschen, stampfen und patschen mit – Daria nach ihren Möglichkeiten. Als nächstes wird die Reihenfolge der Monate repetiert. Eine «Bombe» wird rundum gereicht. Wer sie hat, sagt schnell den nächsten Monat und gibt wieder ab. Bei Daria gleitet die «Bombe» über den Rollstuhl-Tisch. Ihre Arme sind nicht stark genug, um das tickende Teil entgegenzunehmen und weiterzureichen. Beim Aufzählen aber, da passiert ihr sicher kein Fehler. Sie ist eine aufmerksame Schülerin.

Zwischendurch führt Ling Phiaphakdy eine Trinkflasche an Darias Mund. Wenn Daria aufstrecken will, hilft ihr eine Sitznachbarin. Ganz zum Schluss werden noch Prämien verteilt. Wer beim Lese-Programm Antolin viele Punkte gesammelt hat, bekommt ein kleines Präsent. Daria ist dabei.

Mit dem Taxi in die Schule

Der Morgen ist um. Die Klassen-Assistentin hat Daria bereits schon die Kuschelsocken aus- und die Schuhe angezogen. Die anderen stürmen zur Garderobe. Daria muss noch aufs WC. Auch hier ist sie auf die Hilfe von Ling Phiaphakdy angewiesen. Anja Felsberg kommt, um ihre Tochter abzuholen. Dreimal wöchentlich übernimmt ein Taxi-Dienst diese Aufgabe. Ja, natürlich wäre es ihnen lieber, Daria könnte wie die anderen Kinder den Schulweg selbst absolvieren, sagen Felsbergs.

Die aussergemeindliche Beschulung von Daria wurde vom Kanton vorerst für drei Jahre bewilligt. «Sie geht mega gerne und ist sehr gut integriert», sagt die Mutter. Wie es in eineinhalb Jahren weitergeht, ist ungewiss. Lehrerin Bollmann betont, sie wünsche Daria, dass sie dann wieder eine Lehrperson findet, die sie gerne in die Klasse aufnimmt. Sie selbst habe nie an ihrer Entscheidung gezweifelt.

Im Leben eines Menschen mit spinaler Muskelatrophie gibt es viele Unsicherheiten und Rückschläge. Das Stück Normalität, das die Schule Daria bietet, tut ihr offensichtlich gut. «Wir haben von anderen Betroffenen gewusst, dass die Einschulung in der Regelklasse funktionieren kann. Wir sind glücklich, dass es auch bei uns geklappt hat», betonen die Eltern.

Die Klassen-Assistentin stützt Darias Arm, während sie schreibt. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Die Klassen-Assistentin stützt Darias Arm, während sie schreibt. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.