«Daran hat niemand Freude hier»

Ein Durchgangsheim für Asylbewerber sei nicht das, was man sich wünsche – vor allem in einem Siedlungsgebiet nicht. So und ähnlich tönen die Reaktionen auf die anstehende Umnutzung des Wohnblocks an der St. Gallerstrasse 99.

Max Eichenberger
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Waren erst im Februar eingezogen: Peter Städler und Sandra Reimann fühlen sich düpiert und hintergangen. (Bilder: Max Eichenberger)

Waren erst im Februar eingezogen: Peter Städler und Sandra Reimann fühlen sich düpiert und hintergangen. (Bilder: Max Eichenberger)

Gleichentags, als die Nachricht in den Medien verbreitet wurde, dass die Liegenschaft ein Asyldurchgangsheim wird, ist den Mietern ein Schreiben in den Briefkasten gelegt worden. Darin gibt die Peregrina-Stiftung den Eigentümerwechsel bekannt. Und informiert, dass sie dem Kanton zur Gebrauchsleihe die Liegenschaft übergibt. Erwähnt wird auch, dass sie künftig als Durchgangsheim für Asylsuchende genutzt wird.

Vom Regen in die Traufe

«Näheres wissen wir nicht. Uns ist nichts gesagt worden. Wir wissen auch nicht, was mit uns jetzt passiert», zeigen sich Sandra Reimann und Peter Städler schockiert. Die bisherige Verwaltung hätte sich gedrückt. «Das ist eine Riesensauerei, was hier gelaufen ist.» Sandra Reimann ist mit ihrem Lebenspartner im Februar eingezogen. Aus ihrer vorherigen Wohnung mussten sie ausziehen, weil das Haus den Eigentümer wechselte. Jetzt kommen sie vom Regen in die Traufe, obschon ihnen noch nicht gekündigt worden ist.

Falsche Versprechungen

Im April habe eine Hausbesichtigung stattgefunden. «Man sagte uns», berichtet Sandra Reimann, das Haus werde verkauft. Die Immobilie würde aber weiter bewirtschaftet wie bisher. Wir müssten uns keine Sorgen machen.»

Zwei der sechs Wohnungen stehen derzeit leer. Hier sollen nächstens die ersten Asylsuchenden einziehen, bestätigt Peter K. Rüegg, Chef der kantonalen Liegenschaftenverwaltung. Die übrigen Mietverhältnisse liefen vorerst weiter. «Wenn sich Bedarf nach weiteren Räumen abzeichnet, werden wir handeln», sagt Rüegg.

Wobei dann auch allfällige Erstreckungsfristen berücksichtigt würden.

Ein Damoklesschwert

Die vier Mietpartien müssen also gewärtigen, über kurz oder lang die Kündigung zu erhalten. Für Reimann/Städler ist aber klar: wenn die neuen Bewohner einziehen, werden sie nicht mehr in der Wohnung verbleiben wollen. Und möchten dann frühzeitig aus dem Vertrag raus. Am Donnerstagabend herrschte im Haus einiger Aufruhr. Es kam zu einer ad-hoc-Krisen-Zusammenkunft.

Alle fühlen sich düpiert. Ein Paar ist erst vor einem Monat eingezogen.

Hier wohl weniger geeignet

Vis à vis führt Alfio Carrio seine Pizzeria Alpenblick. Er staunte auch nicht schlecht, als er von den Durchgangsheimplänen hörte. «Ich hoffe schon, dass unser Betrieb nicht beeinträchtigt wird durch die künftige neue Nachbarschaft.» Sicher, irgendwo müssten die Asylbewerber ja wohnen. Aber das hier sei doch ein Siedlungsgebiet und aus seiner Sicht wohl eher weniger geeignet.

Er könne sich allerdings nicht so recht vorstellen, was für Bewohner da hausen werden. Er hoffe schon, dass keine Kriminelle darunter sein werden und man ein Auge darauf wirft, dass es keine Anstände gibt.

Nicht das, was man sich wünscht

In der Genossenschaftssiedlung Waldegg wohnt Werner Frei: «Das ist nicht eben das, was man sich wünscht», ringt er nach einer diplomatischen Einschätzung.

Um dann festzuhalten, dass es im Quartier schon genug «Haubentaucher» gebe – womit er Moslemfrauen meint. Fraglich sei der Standort eines Durchgangsheims mitten in einem Wohnquartier – weiter weg wäre es ihm lieber. Von ihm aus gerne 50 Kilometer. Anderseits habe es «sicher auch gute Menschen darunter, wo man nichts auszusetzen hätte». «Es müssten nur drei Lümmel oder Halbkriminelle sein, das wirft dann halt schnell ein schlechtes Licht auf das Ganze.»

Viele nette Ausländer

Überrascht, aber nicht entsetzt zeigt sich Trudi Rüegg: «Man kann nicht gegen alles sein.» Sie hätten zwar schon einen rechten Ausländeranteil in der Siedlung, «aber viele sind sehr nette Leute». Da gebe es unter ihren Landsleuten auch andere… Nein, Vorurteile habe sie keine. Wenn jemand nicht recht tue, sei das unbesehen von der Herkunft etwas anderes.

Ex-Gemeinderat als Nachbar

Ein Vorurteil möchte auch Walter Keiser nicht abgeben, unmittelbarer Nachbar – zumal die Asylbewerber «armi Cheibe» seien und mehrheitlich Wirtschaftsflüchtlinge. «Dass niemand Freude hat hier, versteht sich», sagt der frühere EVP-Gemeinderat, der gewisse Befürchtungen schon hegt, wenn dann das Haus einmal voll sein wird mit 45 Asylanten.

«Schleierhaft und unverständlich erscheint mir, warum ein solches Heim in ein Wohnquartier kommen muss.» Der Betrieb liesse sich besser überwachen, wenn er etwas abseits läge. Aber, fügt Keiser gelassen an: «Wir wollen den Teufel nicht an die Wand malen.»

Sukzessiver Bezug

Nach dem Fernsehortstermin nippt Stadtammann Martin Klöti im «Alpenblick» einen Ombre.

Er spricht von einem sukzessiven Bezug des Heims, das nicht von der Stadt betrieben wird und sie nicht in die Pflicht nimmt, das städtische Asylbewerberkontingent aber entlastet. Was die Anwohner aber nicht unbedingt beruhigt.

Liegenschaft St. Gallerstrasse 99.

Liegenschaft St. Gallerstrasse 99.

Alfio Carrio, Pizzeria Alpenblick.

Alfio Carrio, Pizzeria Alpenblick.