«Dank des Velofahrens blühte ich auf»

Diesen Frühling starb Paul Richlis Frau Maria. Die Zeit danach war für den 80-Jährigen nicht einfach, doch das Velo- fahren habe ihm sehr geholfen. Nun fuhr Richli Ende August beim 41. Radweltpokal in St. Johann auf den dritten Rang.

Manuel Nagel
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Pokale aus den letzten 60 Jahren sind Zeugnis von Paul Richlis erfolgreicher Karriere als Radrennfahrer. (Bild: Manuel Nagel)

Pokale aus den letzten 60 Jahren sind Zeugnis von Paul Richlis erfolgreicher Karriere als Radrennfahrer. (Bild: Manuel Nagel)

«Ich bekomme momentan viele Glückwunschschreiben», erzählt Paul Richli gleich zu Beginn des Gesprächs. Und erst gestern habe ihn ein Rennfahrerkollege aus Dortmund angerufen und ihm gratuliert. «Mit Herbert war ich im Winter schon mehrere Male auf Gran Canaria im Trainingslager.»

Seit Frühjahr alleine

Er lebe seit diesem Frühjahr alleine, verrät Richli. Seine Frau Maria starb vor einigen Monaten. «Ich war danach in einem Tief. Das Velofahren hat mir da schon sehr geholfen. Dank dessen blühte ich wieder auf. Sonst wäre es sehr schwer geworden für mich.»

Vor 54 Jahren haben Maria und Paul geheiratet. Ein Jahr danach, 1956, zogen sie nach Amriswil und lebten bis vor vier Jahren im selben Haus an der Weinfelderstrasse. «Aber der Gesundheitszustand meiner Frau liess es nicht zu, dass wir weiter dort wohnen konnten.»

Heirat war Karrierenende

Nach der Heirat 1955 beendete Richli seine Radsportkarriere, die acht Jahre zuvor so richtig lanciert worden war.

1947 wurde er bei einem Handicaprennen in Rorschach Zweiter hinter Max Breu, dessen Sohn Beat später als Bergfloh und als Sieger der Tour de Suisse von sich reden machen sollte. Aber auch der Max sei schon ein Rennfahrer gewesen, der in der Weltspitze mitfuhr, so Richli.

Seinen grössten Triumph erlebte der Amriswiler 1953 mit dem Solosieg beim Kriterium in Moutier.

Der erste Preis war eine schöne Neuenburger Pendule, für welche der Favorit des Rennens bereits einen Abnehmer gefunden hatte – wenn ihm da nicht Paul Richli zuvorgekommen wäre. Für einen Geldbetrag, und weil er schon eine Pendule besass, begnügte sich der Sieger dann mit dem Preis für den Zweitplazierten, eine Stoppuhr aus 18 Karat Gold, die ihm jedoch später bei einem Hauseinbruch gestohlen wurde.

«Sonst war ich aber kein Siegfahrer», gibt Richli unumwunden zu. «Ich war einfach zu wenig frech. Meine Stärken lagen nicht im Sprint. Von der Postur her war ich auch eher ein Leichtgewicht.»

Endlich auf dem Podest

Ihn deswegen als «ewigen Zweiten» zu betiteln wäre jedoch verfehlt, auch wenn Richli bei seinem letzten grossen Rennen, der Bodenseerundfahrt 1954, den Sieg wiederum um nur eine Radlänge verpasst hatte.

Vergangene Woche reichte es in St. Johann an der Weltmeisterschaft für Veteranen hinter zwei starken Italienern erneut nicht zum Sieg. Doch zeitgleich mit dem Zweiten fuhr Richli nach zahlreichen vierten und fünften Plätzen endlich aufs Podest.

Fitter als noch vor zwei Jahren

Richli führt auch genau Buch über seine Trainingsstrecken. Erst vorgestern hat er den 7000. Kilometer in diesem Jahr abgespult. Und wenn er die Zeiten vergleicht, dann ist er schneller als noch vor zwei Jahren.

Er ernähre sich auch anders als früher. Ganz früher habe er noch geglaubt, dass er viel Fleisch essen müsse.

Strychnin und viel Milch

Überhaupt weiss Richli noch so einiges zu erzählen von früher. Um Velo zu fahren, krempelte er einfach die Hosen hoch und schnitt bei einem Hemd die Ärmel ab. Und Doping habe es natürlich auch schon früher gegeben. Die Grossen aus Basel und Zürich hätten damals schon alle einen Betreuer gehabt.

Und von einem dieser Betreuer wisse er, dass er seinem Fahrer Strychnin verabreicht und dann zu ihm gesagt hatte: «Muesch eifach viel Milch trinke, so wird's dänn scho verdünnt.»

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