CHRATZERN: Verlassener Kraftort

Den «Ort der Begegnungen» gibt es nicht mehr. Auch Pläne für ein Natur-Erlebniszentrum mit Pfahlbauten sind Makulatur. Marisa Bühler, abstämmig von der Uzwiler Unternehmerdynastie, erwarb das Land.

Max Eichenberger
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Der «Ort der Begegnungen» hat seine Zweckbestimmung verloren. Der Betrieb ist stillgelegt, das Land verkauft. Im Sand des Beachvolleyballfelds wuchert Gras. (Bild: Max Eichenberger)

Der «Ort der Begegnungen» hat seine Zweckbestimmung verloren. Der Betrieb ist stillgelegt, das Land verkauft. Im Sand des Beachvolleyballfelds wuchert Gras. (Bild: Max Eichenberger)

Der grosse Flecken Land am See bei Frasnacht, zu einem Ort der Inspiration gemacht, hatte etwas Mystisches. Der Ursprungszustand hat ihn wieder eingeholt.

Den früheren Biobauernbetrieb hatte Josefine Müller 2003, nach dem Tode ihres Mannes, in einen «Ort der Begegnungen» umgewandelt. Aus der einstigen Interessengemeinschaft Buchhorn wurde ein Verein. Über Jahre hat Josefine Müller in Chratzern im Arboner Ortsteil Frasnacht, nahe am See, diesen Begegnungsort aufgebaut: mit Unterkünften im Haus, Schopf oder Tipi-Zelt, mit Seminar- und Gruppenräumen.

Wo Manager Robinson Crusoe sein durften

Veranstaltet wurden dann auch Workshops, weiter kamen Therapieangebote und Erlebnis-Events im naturpädagogischen Bereich hinzu. Angesprochen hat Josefine Müller Leute, «die einmal etwas anderes erleben wollen, als sie sonst vorfinden». Direkt an der Bodensee-Radroute gelegen, wurde Chratzern ebenso für Radler eine Adresse – auch mit dem Strohhotel von Elisabeth Stäheli gleich gegenüber.

Die Infrastruktur stellte der Verein für verschiedenste Events zur Verfügung: Im Sommer kamen oft Schulklassen und Vereine. Genutzt wurde sie auch von Privatpersonen für Geburtstage oder sonstige Feierlichkeiten. Die Trägerschaft erweiterte ihr Netzwerk mit verschiedenen Partnern, die im Laufe der Zeit hinzugekommen sind. So die Stiftung Zukunft, die arbeitssuchende Menschen in Tagesstrukturen einbindet.

Bereits 2005 hat eine Unternehmensberatungsfirma den idyllischen und inspirierenden Flecken am See entdeckt, um hier für Kunden Teambildungsevents durchzuführen. Nach dem Motto «Zurück zur Natur» suchten die Teilnehmer für einen oder ein paar Tage weg vom oft hektischen Alltag und der städtischen Zivilisation die Wurzeln. Im Umgang mit elementaren Kräften schöpften sie neue Energie und schärften ihre Bewusstseinswahrnehmung.

Als «Kraftort», wo spirituelle Energie fliesst, wurde so Chratzern weitherum bekannt. Josefine Müller arbeitete mit Erlebnispädagogen zusammen, die Kurse und Veranstaltungen durchführten. Sie bereicherten den Ort unter anderem mit einem historischen Handwerksmarkt. Besucher tauchten ein in die Zeit der Vorfahren und entdeckten verloren gegangene Fertigkeiten wieder: sie flochten Körbe, entfachten Feuer, stellten Ledertaschen her oder schliffen Steinwerkzeug.

Auf der Obstwiese wollte man Pfahlbauhäuser nachbauen

Der Verein hegte bald neue Pläne. Vor acht Jahren entstand die Idee, auf dem Gelände im Buchhorn einen ganzjährigen Erlebnisgarten einzurichten und so das kulturhistorische Erbe zu pflegen. Ein Freilicht-Museumsbereich sollte ihn ergänzen und zu einer touristischen Attraktion werden. Vorgesehen war, Pfahlbauhäuser nachzubauen.

Den Initianten schwebte vor, damit ein Stück Arboner Geschichte anschaulich zu machen. In der Bleiche nämlich, im Südosten der Stadt, waren im letzten Jahrhundert prähistorische Siedlungen aus der Jungstein- und der Bronzezeit entdeckt worden.

Zu einem weiteren prägenden Element des Erlebnisgartens sollte auf dem Landwirtschaftsland gegenüber dem umgebauten Haus ein Naturspielplatz werden. Die Stadt Arbon zeigte waches Interesse an den Plänen. Doch weiterentwickelt hat sich der Ort seither nicht. Es ist anders gekommen: Inzwischen ist der Betrieb eingeschlafen, sind die Energien versiegt, Aktivitäten finden keine mehr statt.

Die Frau der ersten Stunde hat sich zurückgezogen. Josefina Müller siedelte nach Spanien um. Zunächst hegte Peter Zürcher, ein Architekt aus dem Appenzellerland, Überbauungsabsichten und wollte auf dem Landwirtschaftsland Wohnraum erstellen. Dafür hätte der aus dem Jahre 2013 stammende Gestaltungsplan aufgehoben und angepasst werden müssen. Nach einer negativen Vorprüfung trat Zürcher das Kaufrecht ab und zog sich seinerseits zurück. Er soll nach Schweden ausgewandert sein.

Bühler-Engagement nach Egnach auch in Chratzern

Der Betrieb am Ort der Begegnungen, auf diesem schönen Flecken Land, ist stillgelegt. Die grossen Tipi-Zelte sind abgeräumt wie weitere Einrichtungen. Über die Ränder des Beachvolleyballfeldes wuchert Gras hinein. Es ist ruhig wie ehedem.

Josefina Müller, die ihren Wohnsitz nach Iberien verlegt hat, hat sich gemäss Amtsblatt-Eintrag Anfang Jahr nun auch vom Land mitsamt Wohnhaus, Herberge und Remise getrennt. Die drei Parzellen umfassen zusammen über 15'400 Quadratmeter Land. Erworben hat sie Marisa Bühler, Mitglied der Uzwiler Unternehmerfamilie.

Vor drei Jahren haben Urs und Marisa Bühler schon ein stattliches Anwesen mit 18'500 Quadratmeter Umschwung am Bodensee erworben: in Wiedehorn, Gemeinde Egnach, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Chratzern. Damals hatte die gebürtige Vorarlbergerin angekündigt, dereinst an den See zum Wohnen zurückkehren zu wollen. In Chratzern erzählt man sich, Marisa Bühler könnte das neu erworbene Land als grosse Pferdeweide nutzen und darauf Stallungen errichten.

Seit 2004 betreiben der frühere CEO des Bühler Konzerns, Urs Bühler, der sich zum Tierkinesiologen ausbilden liess, mit seiner zweiten Frau Marisa Bühler, ebenfalls Tierkinesiologin, in Oberuzwil ein Pferdegesundheitszentrum. Gestern waren sie nicht erreichbar.