Chatzerüti? Chatzerüti!

Keine Beiz, keine Post, kein Laden. Lässt sich so leben? Die Bewohner des Weilers Chatzerüti in der Gemeinde Hefenhofen sagen ja. Um kein Geld der Welt würden sie wegziehen wollen. Esther Simon (Text) und Reto Martin (Fotos) haben in der Siedlung lauter nette Leute getroffen.

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Angelika Gempel Keller und Walter Keller vor dem «Chatzerütihof», den das Ehepaar renoviert hat. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Angelika Gempel Keller und Walter Keller vor dem «Chatzerütihof», den das Ehepaar renoviert hat. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

CHATZERÜTI. Über den Thurgau fliegt ein Engel. In seinen zarten Händen hält er einen schweren Sack. Doch der Sack hat Löcher. Häuschen purzeln heraus, eins nach dem anderen. Später werden die Menschen diese Häuschen-Ansammlung Chatzerüti nennen. So und nicht anders muss es gewesen sein. Chatzerüti, das ist heute noch eine kleine Siedlung mit Wohnhäusern und Scheunen, keine Beiz, kein Schulhaus, keine Poststelle. 23 Einträge hat das lokale Telefonbuch. Die Adressen heissen alle gleich: Chatzerüti. Und still ist es! Die meisten Bewohner arbeiten auswärts.

Helio Hickl, der Fotograf

Es gibt Menschen, die mit dieser Stille etwas anfangen können. Helio Hickl (69) ist so einer. Er freut sich, dass er im Weiler seine Ruhe hat. «In einer Stadt mit all dem Lärm würde ich glatt verwelken.» Helio Hickl weiss das, er hat mal in Städten gelebt.

Eigentlich heisst er ja Hellfried, «aber die Leute in Rom und in Brasilien konnten sich den Namen nicht merken. So war ich einverstanden, als sie mich Helio riefen. Das ist eine gute Marke. Einen zweiten Helio Hickl gibt es nicht auf der Welt.» Hickl ist Fotograf. Mit gelegentlichen Aufträgen von der Thurgauer Zeitung kann er seine AHV-Rente ein bisschen aufbessern. «Gutes Licht heute», begrüsst er seinen Kollegen Reto Martin. Helio Hickl hat vor zwanzig Jahren sein Haus an der Adresse Chatzerüti 2 gebaut. Inzwischen ist von der Hausfassade vor lauter Pflanzen fast nichts mehr zu sehen. Im Garten stehen die Brennnesseln mannshoch, an der Küchentür hängt ein Fliegengitter. «Ich will im Grünen leben», sagt er, als er die erstaunten Blicke der Besucher bemerkt. Chatzerüti ist einer von elf Weilern in der Gemeinde Hefenhofen. Die Weiler tragen lustige Namen wie Chappehuuse und Chressibuech. Amriswil ist nicht weit weg. Dort kaufen die Bewohner von Chatzerüti ein, mit dem Wagen, dem Postauto oder dem Velo.

In der Brockenstube

Aber in Amriswil leben, nein, das käme auch für Rosmarie Steppbacher nicht in Frage. Sie ist die unangefochtene Chefin in «Steppis Fundgrueb», der Brockenstube an der Adresse Chatzerüti 23. Sachen gibt's da zu kaufen: Bilderrahmen, Biscuitbüchsen («die gehen an Weihnachten besonders gut»), Körbe, Kleider. Die guten Stücke stammen grösstenteils aus Haushaltauflösungen. Besonders prominent ins Blickfeld gerückt sind die vielen Bücher. Selbst eine seltene Ausgabe des «Pschyrembel», des medizinischen Wörterbuchs, steht in einem Regal. In einer grossen Kiste locken Schallplatten: Glenn Miller, Vicky Leandros, die Toggenburger Buebe.

Rosmarie Steppbacher hat donnerstags und samstags geöffnet. Die Zahl ihrer Kunden ist gross, und sie kommen von weit her. «Gerade heute war wieder einer aus Frankreich da», sagt sie nicht ohne Stolz. Rosmarie Steppbacher wohnt seit Kindesbeinen in Chatzerüti. Auch drei ihrer Kinder leben im Weiler, mitsamt den Enkeln.

«Wir brauchen das nicht»

Ob denn wirklich noch nie etwas Aufregendes passiert ist in Chatzerüti? Es wäre ja fast nicht zu glauben, wenn dem so wäre. Rosmarie Steppbacher schaut etwas verdutzt drein. «Nein, warum sollte etwas laufen? Wir brauchen das nicht. Ich mag diese Ruhe. Ich habe genug Action mit den Enkeln», sagt sie und kümmert sich freundlich um eine Kundin. Um die Ecke – in Chatzerüti sind ja die Distanzen nicht gross – steht Hans Ulrich Müller (60) mit einer Thurgauer Fahne in der Hand. «Die habe ich heute bei Rosmarie gekauft. Ich dachte, die Fahne passt gerade gut zur Thurgauer Zeitung.» Natürlich, Müller hat das parkierte Firmenauto gesehen und ist neugierig geworden. Er wohnt, seit er 24 ist, an der Adresse Chatzerüti 1. Zur Mutter und zur Schwester sind es nur ein Katzensprung. Und überhaupt: Die Grosseltern lebten schon in Chatzerüti, weshalb soll man da selber woanders sein.

Er liebt die Nachbarn

Müller ist Lastwagenchauffeur bei der Migros in Gossau. Er möge seinen Job, sagt er; deshalb mache ihm der Arbeitsweg nichts aus. Müller geht ins Haus und kommt mit einem Sack voller Brot heraus. Das ist Futter für seine Schafe, «eine Art Bauernhofmischung». Wenn er Namen wie Mira oder Amanda ruft, dann kommen alle gelaufen. Müller lacht. Nein, woanders möchte er nicht leben, schon wegen der Nachbarn nicht. «Ich liebe sie. Chatzerüti ist halt wie eine Friedensinsel.»

In Steppis Fundgrueb: Rosmarie Steppbacher mit Enkelin Géraldine und Hündchen Tschutschu. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

In Steppis Fundgrueb: Rosmarie Steppbacher mit Enkelin Géraldine und Hündchen Tschutschu. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Lastwagenchauffeur Hans Ulrich Müller füttert seine Schafe. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Lastwagenchauffeur Hans Ulrich Müller füttert seine Schafe. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Der Fotograf Helio Hickl vor dem Haus, das er vor 20 Jahren baute. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Der Fotograf Helio Hickl vor dem Haus, das er vor 20 Jahren baute. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))