Chaos durch die Wohnungsnot

Was heute in der Schweiz fast selbstverständlich ist, war im Jahr 1900 in Arbon hart umkämpft: Ein Zuhause. Die Familien wohnten zum Teil in Umkleidekabinen.

Hans Geisser*
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Das Quartier zwischen Bahnlinie und See bot nur wenigen Unterschlupf. (Archivbild: pd)

Das Quartier zwischen Bahnlinie und See bot nur wenigen Unterschlupf. (Archivbild: pd)

ARBON. Seit einigen Jahren dominieren Baustellen und Visierstangen das Ortsbild der Stadt Arbon. Neue Wohnblöcke schiessen aus den letzten noch freien Grundstücken, wobei man sich fragen mag: Wo sind die Arbeitsplätze für die zukünftigen Einwohner?

Notlösung in der Badehütte

So war es in früheren Zeiten: Die Jahre um 1900 werden oft als «belle époque» bezeichnet, doch dies gilt nicht für jedermann. Risikofreudige Unternehmer gründen Fabriken am laufenden Band. Die Stadtväter beschäftigen sich mit Quartiererschliessungen. Das Baugewerbe boomt. «Gesucht per sofort: 15 tüchtige Maurer und 20 Handlanger», lautet zum Beispiel ein Inserat im «Oberthurgauer». Die Einwohnerzahl steigt sprunghaft an. Nur der Wohnungsbau vermag in keiner Weise Schritt zu halten. Die Wohnungsnot bedrückt viele Arbeiterfamilien und ist oft die Hauptforderung bei Streikbewegungen, ein ohnmächtiger Protest der Betroffenen. So wohnen Familien bis zum Wintereinbruch in den Umkleidekabinen der 1907 erbauten Badehütte an der Wassergasse. Alleinstehende Schichtarbeiter – sogenannte Schlafgänger – teilen sich zu zweit als Untermieter ein Bett. Der ausgetrocknete Wohnungsmarkt macht auch die damals 118 Wirtschaften und Hotels verständlich, denn irgendwo müssen sich die Menschen am Sonntag und nach Feierabend aufhalten können.

20 Häuser in wenigen Jahren

Allmählich setzt auch der Wohnungsbau ein. Der 1898 gegründete Aktienbauverein erstellt in wenigen Jahren 20 Miethäuser an der Standstrasse, Brühlstrasse und Eichenstrasse. Innovative Baumeister ziehen nach. Fabrikanten bauen Siedlungen für ihre Mitarbeiterinnen: Mädchenheim, Heinehof und Stauders Häuser. Adolph Saurer kauft das Schloss und Altstadthäuser, um Wohnungen einzurichten.

In den Jahren des Aufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg folgt eine weitere stürmische Bauperiode, die Jahre der subventionierten Genossenschaftssiedlungen sowie der Barackendörfer für italienische Gastarbeiter ausserhalb des Saurer-Ersatzteillagers und im Schöntal. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts ermöglichen die Beiträge im Rahmen des WEG-Wohneigentum-Gesetzes einen weiteren Wohnbauschub.

*Hans Geisser ist Konservator des Historischen Museums Arbon im Schloss.