Chance für normale Kindheit

Am kommenden Samstag feiert das Kinderhuus Ladrüti in Egnach das 10-Jahr-Jubiläum. Im stattlichen Riegelhaus finden zehn Mädchen und Buben ein neues Zuhause. «Wir haben viel erreicht», sagt Heimleiterin Giovanna Di Salvo.

Markus Schoch
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Heimleiterin Giovanna Di Salvo hilft den Kindern, die Balance zu halten. (Bild: Donato Caspari)

Heimleiterin Giovanna Di Salvo hilft den Kindern, die Balance zu halten. (Bild: Donato Caspari)

EGNACH. So idyllisch leben die wenigsten. Doch könnten die Mädchen und Buben wählen, wären sie lieber woanders. Sie essen und schlafen alle nicht freiwillig im stattlichen Gebäude mit seinen braunen Riegeln und roten Läden. Sie wohnen in Ladrüti, weil es zu Hause irgendwo in der Schweiz nicht mehr ging. Weil der Vater beziehungsweise die meist alleinerziehende Mutter wegen einer Depression oder einer anderen schwerwiegenden psychischen Störung mit ihnen überfordert war. Der Staat griff ein und gab den Kindern und Jugendlichen in Egnach ein neues Zuhause – im Kinderhuus, das die Gemeinde seit mittlerweile zehn Jahren betreibt. Und zwar mit einigem Erfolg, wie Heimleiterin Giovanna Di Salvo sagt.

«Haben gute Akzeptanz»

Der Start war schwierig. «Wir hatten nichts ausser einem leeren Haus», erinnert sich Di Salvo, die seit Anfang an dabei ist. Es gab kein pädagogisches Konzept, keine Hausregeln und kein Leitbild. Dafür schlug Di Salvo und ihrem Team ein gewisses Misstrauen aus der Bevölkerung entgegen.

Zehn Jahre später rümpft niemand mehr die Nase über das sozialpädagogische Kleinheim. «Wir haben eine grosse Akzeptanz im Dorf, man kennt uns», sagt Di Salvo. Auch von den Lehrern am Ort erhalte sie in der Regel gute Rückmeldungen. Das gute Image bekam das Kinderhuus aber nicht von heute auf morgen. «Es brauchte Beharrlichkeit und einen langen Schnauf», sagt Di Salvo.

Die internen Abläufe haben sich längst eingespielt. Di Salvo und ihre Mitarbeiter wissen, welchen Weg sie mit den Mädchen und Buben gehen wollen, die mindestens ein bis zwei Jahre bleiben – und wo die Grenzen sind. «Wir haben viel erreicht und sind auf einem gutem Stand», sagt die Heimleiterin nicht ohne Stolz.

«Wir sind gut vernetzt»

Auch die Rechnung ist in der Vergangenheit meist aufgegangen. Die zehn Plätze sind zu 80 oder 90 Prozent belegt. «Wir sind gut vernetzt», sagt Di Salvo.

Eine dauernde Herausforderung geblieben ist der Umgang mit den Eltern, denen der Staat die Kinder weggenommen hat. Sie sind entsprechend schlecht auf die Verantwortlichen im Kinderhuus zu sprechen. Was ihre Aufgabe nicht leichter macht: «Wir wollen mit den Vätern und Müttern zusammenarbeiten und sie soweit möglich in die Erziehung einbinden, das ist uns ganz wichtig», sagt Di Salvo.

Schwieriger Kontakt

Vor allem am Anfang sei der Kontakt aber meist sehr schwierig. Eine gemeinsame Ebene zu finden, brauche manchmal Jahre. Das Kinderhuus versucht in solchen Fällen, im familiären Umfeld des betroffenen Kindes zusätzliche Bezugspersonen zu finden. Das kann beispielsweise der Götti, die Grossmutter oder eine Art Ersatzfamilie sein.

Die meisten sind traumatisiert

Stabile Verhältnisse und verlässliche Strukturen seien für die Kinder von entscheidender Bedeutung, sagt Di Salvo. «Die meisten kommen traumatisiert zu uns und brauchen Sicherheit.» Diese erhalten sie im Kinderhuus, wo jedes einzelne Kind individuell betreut wird.

Im Moment sind es mit einer Ausnahme nur Frauen, die sich im Ladrüti um die Kinder kümmern. «Wir hätten gerne mehr Männer, aber es ist nicht einfach, sie zu bekommen», sagt Di Salvo. Ein Problem sei das aber nicht. «Es ist eine Frage der inneren Haltung.»