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BUSSNANG: Internierte prägen die Landschaft

Während des Zweiten Weltkriegs roden polnische und französische Armeeangehörige Wald, um fruchtbares Ackerland zu gewinnen. Die Felder wurden nach den fleissigen Arbeitern aus dem Ausland benannt.
Sabrina Bächi
Polnische Internierte fällen die Bäume im Thurvorland. Das Land wird für den Ackerbau benötigt und heisst heute noch Polenfeld. (Bilder: Archiv Willi Ausderau)

Polnische Internierte fällen die Bäume im Thurvorland. Das Land wird für den Ackerbau benötigt und heisst heute noch Polenfeld. (Bilder: Archiv Willi Ausderau)

Sabrina Bächi

sabrina.baechi@thurgauerzeitung.ch

Der Krieg verändert alles. Nicht zuletzt auch die Landschaft. Willi Ausderau aus Bussnang hat erlebt, wie der Wald seiner Kindheit in fruchtbares Ackerland verwandelt wurde. Später hat er es sogar selbst bewirtschaftet. Für die Anbauschlacht während des Zweiten Weltkriegs mussten in Bussnang über 16 Hektar Auenwald Kartoffeln und Getreide Platz machen. Die mühselige Arbeit der Waldrodung übernahmen jedoch nicht die Einheimischen, sondern internierte Soldaten. Noch heute erinnern die Flurnamen der Gebiete daran, wer einst den Wald kahl schlug und für die Ernährungssicherheit Äcker daraus machte: Es waren Franzosen und Polen.

Willi Ausderau ist 1932 in Bussnang geboren. Bis heute lebt er im Dorf. Aufgewachsen ist er mit drei Geschwistern an der Puregass. Heute wohnt er mit seiner Frau Rosmarie in der Tannerwies, genau zwischen dem Franzosen- und dem Polenfeld. «Ich habe früher in dem grossen Wald zwischen Dorf und Thur gespielt», sagt Ausderau, «ich kann mich auch daran erinnern, dass es im Wald Fasane gab.»

Dann kam der Krieg und mit ihm eine Zeit voller Ungewissheit. «In der Nacht hörten wir die Bomber übers Dorf dröhnen. Da hatte ich richtig Angst», sagt Ausderau. Auch aus dem Radio knisterten immer wieder schlimme Nachrichten. «Immer wenn der Radiosprecher sagte: ‹Amtlich wird mitgeteilt›, dann wussten wir, jetzt kommen wieder schlechte Nachrichten.»

Anbauschlacht für Lebensmittel

Willi Ausderaus Vater wurde auch, wie viele andere Väter, zum Grenzschutz eingezogen. «Es war nicht einfach, aber alle haben sich gegenseitig geholfen», sagt er. Selbst eine Ortswehr wurde aufgestellt, um allfällige Eindringlinge, wie Fallschirmspringer, abzufangen. Der Krieg brachte auch Entbehrungen mit sich. Die Lebensmittel wurden rationiert. Die Schweizer Bevölkerung gefordert: Überall wo möglich sollten Ackerflächen entstehen. Der Agronom und spätere Bundesrat Friedrich Traugott Wahlen erliess den Aufruf, minderwertigen Wald auf flachen Ebenen zu roden, und als Ackerflächen zu bewirtschaften. Dafür eignete sich das Bussnanger Thurvorland bestens, so der damalige Konsens. Bereits am 2. Januar 1939, noch vor Ausbruch des Krieges, beschloss die damalige Ortsgemeinde, beim Regierungsrat ein Gesuch für die Waldrodung zu stellen. Dieser bewilligte die Rodung. Heute stehen solche Waldflächen unter strengem Schutz, damals waren sie minderwertig.

Die Soldaten kommen ins Dorf

«Es gab keine grosse Vielfalt beim Essen», erzählt Ausderau. Kartoffeln, Brot und selber gemachte Nudeln waren die Hauptnahrungsmittel. Dazu gab es geräucherten Speck. Die Selbstversorgungsrate lag vor dem Krieg bei rund 50 Prozent. Nach dem Plan Wahlen, der Anbauschlacht, waren es zwanzig Prozent mehr. Für die Rodungen wurden in Bussnang, wie andernorts auch, Internierte eingesetzt. Nach dem Fall von Paris suchten Militärangehörige in der Schweiz Asyl. Franzosen und Polen gelangten so in die Schweiz und wurden interniert. 1940 kamen die ersten Franzosen ins Dorf und fingen an zu holzen. «Sie waren bei Familien einquartiert. Bei uns wohnten zwei Franzosen», sagt der 85-Jährige. So schwand der Wald von der Tannerwies her bis zur Mündung des Furtbachs in die Thur.

In Anlehnung an die Arbeit der französischen Internierten heisst dieses Ackerland bis heute Franzosenfeld. Als die Franzosen 1941 wieder nach Frankreich mussten, kamen nach einem kurzen Unterbruch polnische Internierte ins Dorf. Es waren etwa 40 Männer. Sie bauten sich mitten im Dorf zwei Barracken aus Holz, in denen sie wohnten. «Jeden Abend um 18.30 haben sie einen Abendappell gemacht – mitten auf der Furtbachbrücke. Damals verkehrten ja noch keine Autos.»

Die Wurzeln werden gesprengt

Auch die Polen machten sich ans Werk und fällten Baum um Baum. Das gefällte Holz wurde in die Köhlerei gebracht und brachte somit auch gleich noch Brennstoff. Damals wurde fast alles von Hand erledigt. «Zuerst schnitten sie die Stauden. Die grossen Bäume wurden mit dem einzigen Raupentraktor gefällt. Die Wurzeln waren so gross, die mussten teilweise gesprengt werden.» Das Teilstück von der Tannerwies bis zum Ganggelisteg heisst, analog zum Franzosenfeld, bis heute Polenfeld. «Wir konnten zwar nicht miteinander sprechen, aber die Polen hatten immer Freude an uns Kindern», sagt Ausderau. Nachdem der Wald gerodet war, fanden die Polen auch an anderen Orten im und ums Dorf Möglichkeiten, zu helfen. Sie machten sich in der Korrektur des Furtbachs, bei Böschungsarbeiten oder im Strassenbau nützlich.

«Als am 8. Mai 1945 die Kirchenglocken läuteten, da konnten wir aufatmen», sagt Willi Ausderau. An diesen Tag kann er sich noch gut erinnern. Er war damals 13 Jahre alt. Vom Krieg geblieben sind nur die Erinnerungen – und die Flurnamen der Felder.

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