Busfahrer mit biblischer Botschaft

ARBON. Hans Martin Enz ist gut in Arbon angekommen: Der evangelische Teilzeit-Pfarrer und Postautofahrer bringt seine beiden Berufe gut unter einen Hut. Es ist ein Arrangement, das den Alltag aus zwei Blickwinkeln ins rechte Licht rückt.

Hana Mauder
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Er liebt die Welt vom Steuer eines Busses aus: Pfarrer Hans Martin Enz. (Bild: Reto Martin)

Er liebt die Welt vom Steuer eines Busses aus: Pfarrer Hans Martin Enz. (Bild: Reto Martin)

Vor der Türe des Sekretariats der evangelischen Kirchgemeinde in Arbon ist einiges los. Schwere Maschinen bearbeiten die Strasse, stampfen Schotter flach, Motoren brummen.

Aber Hans Martin Enz lässt sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Er strahlt jene innere Kraft aus, die Zufriedenheit mit sich selbst und der Welt attestiert. «Ich bin gut in Arbon angekommen», sagt er.

Der Weg zu diesem Punkt war für den evangelischen Pfarrer nicht immer leicht. 13 Monate hinter dem Steuer eines Postautos oder Reisebusses waren nötig, um den Weg zurück zur Kanzel zu finden. Seit September 2014 hat er eine 50-Prozent-Pfarrstelle in Arbon übernommen. Es zeichnet sich jetzt ab, dass das provisorische Arrangement bald in ein Modell auf Dauer umgewandelt wird.

Den Beruf des Postautofahrers und Reiseorganisators hat Hans Martin Enz aber nicht an den Nagel gehängt. Von Engelburg bis ins Appenzellerland chauffiert er weiterhin seine Postauto-Passagiere. Dass der Herr Pfarrer grosse Busse lenkt, ist in der Kirchgemeinde längst bekannt. Ab und zu erleichtert es den Kirchgängern sogar den Einstieg in ein persönliches Gespräch.

Kein grosser Schritt

«Schön, dass sie wieder Pfarrer sind – und das bei uns!» bekomme er hier und da zu hören. Motivierende Worte, die er zu schätzen weiss; setzen sie doch einen Punkt unter ein unruhiges Zeitfenster: Elf Jahre war Hans Martin Enz als Pfarrer in Steinach tätig. Bis ihm die berufliche Balance aus den Fingern glitt. Er habe sich wie ein Showmaster gefühlt, berichtete er damals den Medien. Der Inhalt erstarrte an der Form.

2013 nahm er sich eine Auszeit vom Pfarramt und sattelte auf den Beruf des Chauffeurs und Reiseleiters um. Ein Jahr und viele Kilometer später fand er zurück. Heute ist er Teil eines kollegialen Teams, das auf unregelmässige Arbeitszeiten im Dienste der öffentlichen Verkehrsmittel Rücksicht nimmt. Er freut sich über «eine kleine Fangemeinde», die seine Gottesdienste besucht. «Der Schritt zurück war für mich gar nicht so gross», meint er. Vielleicht, weil er während seiner Auszeit Vertretungen als Pfarrer übernommen habe.

Im Wandel der Zeit

«Mein Vater war auch Pfarrer. Er war mir ein Vorbild», sagt Hans Martin Enz. Nach wie vor ist ihm der Inhalt wichtiger als die Form. Ein Bedürfnis, das er wohl mit nicht wenigen Berufskollegen teilt. Er will kein Requisit sein bei der Trauung in Weiss, der Taufe mit Familienfeier, der Beerdigung im stillen Kreis. Sein Wunsch ist der Dialog, die ehrliche Auseinandersetzung mit dem Glauben.

«Die Leute dürfen ruhig sagen, wenn sie nichts damit anfangen können», sagt der 55-Jährige. «Was mich stört, ist Heuchelei.» Er ist sich des Wandels der Zeit bewusst. «Früher war üblich, beim Pfarrer Trost oder Rat zu suchen», sagt er. Heute bieten dafür neutrale Stellen ihre Dienste an; Anonymität selbst in Krisensituationen.

40 000 Personen treten pro Jahr aus den Landeskirchen aus. Nur jedes fünfte Paar wählt eine kirchliche Trauung, vor 20 Jahren waren es noch 60 Prozent mehr. Nur noch jedes zweite Kind in der Schweiz würde getauft. 76 Prozent aller Verstorbenen werden kirchlich beigesetzt. «Es ist schade, die Dienste der Kirche nur wegen der Zeremonien in Anspruch zu nehmen», sagt Hans Martin Enz. «Ich möchte die biblische Botschaft als Lebenshilfe anbieten für alle, die das möchten.»

Zwei Lebensperspektiven

In seinem Zweitberuf trägt Enz eine andere Form der Verantwortung. Längst hat sich bei den Fahrgästen herumgesprochen, dass ein Pfarrer ihren Bus lenkt. «Manchmal höre ich sie darüber tuscheln», sagt er und schmunzelt. «Aber darauf angesprochen, werde ich selten.» Die Busfahrten bieten einen anderen Blick auf den Alltag. «Es rückt vieles wieder in die richtige Perspektive», sagt er.

Diesen Beruf als Fahrer habe er übrigens für seine Auszeit nicht erst lernen müssen. Die Freude am Fahren begleitet ihn schon seit der Studienzeit. Zuerst legte er die Lastwagenprüfung ab, später folgte der Ausweis für Car und Bus. «Ich wollte damals den Oldtimer-Bus lenken, mit dem wir die in die Jugendlager fuhren», sagt er. Wenn er beide Berufe unter einen Hut bringen dürfe, freue er sich besonders.

So sitzt er bei den Carreisen der Kirchgemeinde am Steuer, übernimmt die Reiseleitung und hält in Zusammenarbeit mit dem Leitungsteam die täglichen Andachten. Nach Zeiten der Neuorientierung hat Hans Martin Enz seinen Platz gefunden: «Ich weiss, ich bin nicht allein», sagt er.

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