Bücher aus der Telefonkabine

In Weinfelden gibt es seit kurzem einen Offenen Bücherschrank. Eine nicht mehr genutzte Telefonkabine beim Thurgauerhof ist nun Umschlagplatz für Gratisbücher. Initiant Christian Rudin hat die Idee aus Solothurn mitgebracht.

Mario Testa
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Initiant Christian Rudin und Gemeinderat Valentin Hasler in der zum Bücherschrank umfunktionierten ehemaligen Telefonzelle. (Bild: Mario Testa)

Initiant Christian Rudin und Gemeinderat Valentin Hasler in der zum Bücherschrank umfunktionierten ehemaligen Telefonzelle. (Bild: Mario Testa)

WEINFELDEN. Yair Einhorn schaut den Gemeinderat zu ihrer linken etwas skeptisch an. Die junge Frau ist Protagonistin im Buch «Be my Knife», und ihr Porträt in Schwarz-Weiss ziert auch dessen Einband. Das Taschenbuch ist eines von rund 50, die seit kurzem im Offenen Bücherschrank Weinfelden im Angebot stehen. Die Idee des Offenen Bücherschranks ist einfach: Jedermann und jede Frau darf sich Bücher aus dem Schrank gratis zum Lesen holen und gelesene darin anderen zur Verfügung stellen.

Schuld daran, dass nun auch Weinfelden einen Offenen Bücherschrank hat, ist Christian Rudin. «Ich war einmal in Solothurn und hab dort so einen Offenen Bücherschrank zum erstenmal gesehen. Ich bin selber eine Leseratte und finde die Idee einfach sehr gut», sagt er. Daraufhin habe er eine E-Mail an den Weinfelder Gemeinderat geschickt und darin seinen Wunsch für einen Bücherschrank nach dem Vorbild von Solothurn (siehe «Befragt») in Weinfelden geäussert.

Die Gemeinde macht mit

Dieses erste Mail ging indes unter, wie Valentin Hasler sagt. «Christian Rudin brauchte viel Geduld, hat es dann aber erneut versucht und beim zweitenmal Erfolg gehabt.» Diesmal landete die Anfrage auf Haslers Schreibtisch, dem zuständigen Gemeinderat für Kultur, Sport und Tourismus in Weinfelden. Auch er war von der Idee eines solchen Bücherschranks angetan, und weil die Regionalbibliothek kein Interesse an der Begleitung des Projekts zeigte, blieb das Dossier bei Hasler.

«Ich habe mich mit Christian Rudin getroffen, und wir haben uns auf die Suche nach einem passenden Schrank gemacht. Anfänglich hatten wir immer eine Telefonzelle im Sinn, die wir auch hätten verschieben können», sagt Hasler. Das klappte aber nicht wie gewünscht. «Wir waren so auf diese Idee fixiert, dass wir fast eine offensichtliche Lösung übersehen haben», sagt Hasler. Eine der beiden betonierten Telefonzellen hinter der Eingangstreppe zum Thurgauerhof-Saal ist seit langem ungenutzt, das ehemalige Festnetztelefon darin abmontiert worden. «Ich habe dann die Stockwerkeigentümer angefragt, ob sie damit einverstanden wären, die Telefonzelle für den Offenen Bücherschrank zur Verfügung zu stellen, und sie haben zugesagt.»

Minime Kosten für den Schrank

Für rund 2500 Franken hat die Gemeinde die Telefonzelle nun frisch streichen, mit Licht ausrüsten und den Schrank darin installieren lassen. Seit einigen Tagen läuft bereits der Austausch. «Man darf Bücher nehmen und bringen», sagt Christian Rudin, der als Dienstleiter rund ums Haus sein Einkommen verdient und sich in einer ersten Phase um den Bücherschrank kümmert. «Der Schrank ist kein Depot. Er ist nicht dazu gedacht, kistenweise Büchern darin zu entsorgen. Es hat einfach so viel Platz, wie das Gestell bietet.»