Brunnen heute nur noch Zierde

Der Bischofszeller Hansjörg Hemmi weihte am Samstagnachmittag über 30 interessierte Besucher in die Geschichte und Geheimnisse einiger Brunnen der Stadt ein. So erfuhr man, dass selbst der Stadtammann sich am Brunnen waschen musste.

Manuel Nagel
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Hansjörg Hemmi erklärt die Besonderheiten des Brunnens an der Tuchgasse, die Teilnehmer des Rundgangs hören ihm aufmerksam zu. (Bild: Manuel Nagel)

Hansjörg Hemmi erklärt die Besonderheiten des Brunnens an der Tuchgasse, die Teilnehmer des Rundgangs hören ihm aufmerksam zu. (Bild: Manuel Nagel)

BISCHOFSZELL. «Wir gehen dem Trubel am besten etwas aus dem Weg», meint Hansjörg Hemmi zu den Teilnehmern der Brunnenführung, die sich beim Bogenturm besammelt haben und sich nun mitten unter Marktbesuchern befinden. Der Verkehrsverein Bischofszell lud zu einem Rundgang in der Altstadt, den sich über 30 Interessierte nicht entgehen lassen wollen. Erfreulicherweise spielt auch das Wetter an diesem frühen Samstagnachmittag mit. Entgegen den Prognosen scheint die Sonne.

Seit 30 Jahren in Bischofszell

Es sei das erste Mal, so Hemmi, dass er solch einen Rundgang begleite und kommentiere. Schon seit bald 30 Jahren kümmert er sich um die Bischofszeller Brunnen. «Im nächsten Jahr habe ich Jubiläum», verrät der gelernte Steinmetz, der 1981 nach Bischofszell zog.

Mittlerweile ist der Führungstross beim Brunnen am Hirschenplatz angelangt. Für einen Laien sehe dieser Brunnen wohl nicht sonderlich wertvoll aus, meint Hemmi.

Ein Fachmann erkenne jedoch sofort die Bedeutung dieses monolithischen Brunnens, also aus einem einzigen Stück Kalkstein aus dem Solothurner Jura herausgehauen. Seit 1873 stehe der Brunnen schon hier und sei immer noch absolut dicht.

Wertvollster Brunnen der Stadt

Für Hemmi ist dies der wertvollste Brunnen in Bischofszell; nicht zuletzt auch deshalb, weil er noch immer am selben Standort steht wie 137 Jahre zuvor. Nur die Brunnenfigur sei später aufgesetzt worden, lernen die Zuhörer.

Diese habe man erst im letzten Jahrhundert hinzugefügt.

Die Teilnehmer des einstündigen Rundgangs bekommen nicht alle der 23 festlich geschmückten Osterbrunnen zu sehen. Vielmehr ist es Hansjörg Hemmi ein Anliegen, dass er die interessantesten Brunnen vorstellen kann.

Brunnen als Gerüchteküche

Auch zur geschichtlichen und gesellschaftlichen Bedeutung erfahren die Zuhörer das eine und andere. So sei der Brunnen früher ein wichtiger Treffpunkt der Stadt gewesen.

Man habe Wasser geholt, die Pferde getränkt und natürlich auch Wäsche gewaschen. Da sei natürlich auch getratscht worden und man habe Gerüchte verbreitet, erzählt Hemmi. «Genauso wie auch heute noch in der Waschküche», wendet da einer der Besucher unter dem Lachen der übrigen ein.

Im Laufe der Zeit habe sich die Bedeutung der Brunnen gewandelt, weiss Hemmi. «Früher wurde der Brunnen intensiv genutzt. Da hatte man noch keinen Wasseranschluss im Haus. Selbst der Stadtammann musste sich noch draussen am Brunnen waschen.»

Die Brunnen seien heutzutage nur noch Zierde. «Was machen die da mit meinem Brunnen?!», hätte hingegen eine Frau im 18. Jahrhundert geschockt gerufen, wenn sie all den Blumenschmuck gesehen hätte. Heute jedoch erfreuen die verzierten Brunnen Frauen wie Männer – noch bis zum 11. April.

Führungen mit Hansjörg Hemmi finden auch am Ostersonntag (14 Uhr) und am Ostermontag (16 Uhr) statt.

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