Blickfang inspiriert Pilger

AFFELTRANGEN. Wer pilgert, ist unterwegs zum inneren Frieden. Zu dieser Erkenntnis kam Bildhauer Bernhard Lüthi aus Affeltrangen. So schuf er ein schneeweisses Pilgerkreuz aus Marmor, das die Menschen zum Dialog einladen soll.

Ruth Bossert
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Bildhauer Bernhard Lüthi neben dem von ihm geschaffenen Marmorkreuz. (Bild: Ruth Bossert)

Bildhauer Bernhard Lüthi neben dem von ihm geschaffenen Marmorkreuz. (Bild: Ruth Bossert)

Auf der einen Seite die schmucke St. Antoniuskapelle, gegenüber die stattliche reformierte Dorfkirche und seit ein paar Tagen, fast mittendrin, ein schneeweisses, rund 600 Kilogramm schweres Marmorkreuz auf dem privaten Grundstück von Familie Lüthi. Ist Bernhard Lüthi ein ganz besonders gläubiger Mensch, dass er auf Ostern hin dieses Pilgerkreuz aufgestellt hat? Der 46jährige Bildhauer lächelt und nimmt aus seiner Moccatasse am Stubentisch einen Schluck Kaffee, als müsste er kurz überlegen, was er antworten soll.

Der innere Friede als Ziel

«Ich fühle mich in meinem christlichen Glauben wohl, auch wenn ich bei weltlichen Themen dem <Bodenpersonal> nicht immer zustimmen kann und kein Kirchgänger bin», sagt Lüthi ganz ruhig und fügt gleich an, dass er Menschen grundsätzlich liebe und ganz besonders die philosophischen Diskussionen rund um das Wohin und Woher schätze. Deshalb beschäftige er sich schon längere Zeit mit den Kernfragen der fünf Weltreligionen und habe festgestellt, dass im Grunde genommen alle das gleiche Ziel umschreiben: «Den inneren Frieden zu sich selber finden.»

Da sein Wohnhaus am Pilgerweg liegt und sich dadurch regelmässig kürzere oder längere Diskussionen und Gespräche mit Pilgern aus aller Welt ergeben, habe er herausgefunden, dass sich die allermeisten Pilger auf einer Art Reise zu sich selbst befinden und sich deshalb gerne öffnen und mit anderen Menschen über den Glauben sowie den Frieden und den Weg dorthin diskutieren.

Nährende Zwischenmahlzeit

Bernhard Lüthi hat schon länger den Wunsch verspürt, mal wieder eine bildhauerische Arbeit ganz für sich alleine zu machen. Und das Kunstwerk dann aber nicht in den eigenen vier Wänden verschwinden zu lassen, sondern es der breiten Öffentlichkeit, allen voran den Pilgern, zu zeigen und ihnen damit etwas Schönes, eine Freude am Wegrand – sozusagen eine Zwischenmahlzeit – mit auf die Reise zu geben. «Viele Pilger weichen vom ursprünglichen Weg, der nur wenige hundert Meter von unserem Haus vorbei führt, ab und machen den kleinen Umweg zur St. Antoniuskapelle. Deshalb finde ich den Platz ideal.»

Bernhard Lüthi, aufgewachsen in Weinfelden, arbeitet bereits seit 20 Jahren als selbständiger Bildhauer im eigenen Atelier und betreut im Jobsharing mit seiner Frau die beiden Kinder Annamaria (12 Jahre) und Romeo (6 Jahre), wobei er betont, dass er zurzeit emotional mehr Hausmann denn Bildhauer sei. «Die Kombination der beiden Beschäftigungen finde ich spannend.» Als Unternehmer fertige er vor allem Grabsteine an und dürfe als Bildhauer als Letzter für verstorbene Menschen etwas Bleibendes herstellen.

Auch wenn sich Lüthi nicht als Trauerbegleiter sieht, wird er öfters in die Trauerarbeit eingebunden. Seines Erachtens müsste jeder Grabstein die Persönlichkeit des Verstorbenen widerspiegeln, doch nicht immer sei das eine ganz einfache Aufgabe.

Kursleiter seit zehn Jahren

Als Ausgleich zu den Grabsteinen und der Arbeit als Hausmann gibt Lüthi seit zehn Jahren Bildhauerkurse. In diesen werden jedoch nicht nur Steine behauen; es wird auch über Gestaltung, Schönheit, Gefühle und vieles mehr philosophiert. Auch hier findet Lüthi die respektvollen Diskussionen überaus wertvoll. Und wenn der Künstler einmal weder über Grabsteine noch Kindererziehung oder Kunst sprechen will, dann setzt er sich ans Klavier und lässt sich einfach treiben.