BISCHOFSZELL/SULGEN: Die Empörung ist gross

Die SBB wollen den Billettverkauf durch Dritte per Ende 2017 beenden. Behörden und Einwohner steigen auf die Barrikaden. Mit einer Petition soll die geplante Massnahme zu Fall gebracht werden.

Georg Stelzner
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Der Migrolino-Shop im Bischofszeller Bahnhofgebäude, derzeit noch eine Billettverkaufsstelle der SBB. (Bild: Georg Stelzner)

Der Migrolino-Shop im Bischofszeller Bahnhofgebäude, derzeit noch eine Billettverkaufsstelle der SBB. (Bild: Georg Stelzner)

BISCHOFSZELL/SULGEN. Die Verärgerung in Bischofszell ist verständlich. Nur zu gut sind der Umbau des Bahnhofs Stadt zu einem Migrolino-Shop und die damit verbundene Schliessung des Kiosks auf dem Bahnhofplatz in Erinnerung. Gerade einmal vier Jahre sind seither vergangen. «Es verstösst gegen Treu und Glauben, wenn das damals mit viel medialem Aufwand angekündigte Billettverkaufs-Angebot im Migrolino-Shop nach so kurzer Zeit wieder aufgehoben wird», gibt der Stadtrat zu bedenken und interveniert gegen den Entscheid bei Andreas Meyer, dem CEO der SBB.

Die Nachricht von der geplanten Schliessung der Billettverkaufsstelle hat Bischofszell laut Auskunft von Stadtrat Boris Binzegger getroffen wie der sprichwörtliche Blitz aus heiterem Himmel. Auf eine solche Entwicklung habe nichts hingedeutet. Der Stadtrat sei vorgängig nicht konsultiert worden.

Die Vertriebskanäle der SBB sind nach Einschätzung des Stadtrates Bischofszell noch nicht ausreichend entwickelt. Zudem sei das derzeitige Tarifsystem recht kompliziert. Es wird argumentiert, dass unter diesen Voraussetzungen insbesondere ältere Menschen auf einen persönlichen Beratungsservice angewiesen seien. Das Fazit des Stadtrates: «Die Applikationen der SBB sind noch nicht so bedienerfreundlich, dass auf einen ergänzenden Service am Schalter verzichtet werden kann.»

Auch der Tourismus würde darunter leiden

Setzen die SBB ihren Plan um, dann wäre das nach den Worten Binzeggers gleichbedeutend mit dem Ausschluss gewisser Bevölkerungskreise vom Öffentlichen Verkehr. «In Zeiten, in denen doch gerade das Gegenteil erreicht werden soll, ein schwer nachvollziehbares Vorgehen», wundert sich Binzegger. Für Bischofszell käme die Schliessung der Verkaufsstelle aber auch aus einem anderen Grund höchst ungelegen. Der Stadtrat ruft in seiner Intervention bei SBB-CEO Meyer den Status Bischofszells als «Thurgauer Rosenstadt» und beliebte touristische Destination in Erinnerung. Gerade Reisende aus dem Ausland seien mit dem Billett- und Tarifsystem der Schweiz meist nicht vertraut und deshalb auf Hilfe angewiesen.

Appell an das soziale Gewissen der SBB

Der Gemeinderat Sulgen ist ebenfalls nicht gewillt, den Entscheid der SBB widerstandslos hinzunehmen, selbst wenn er der Massnahme aus betriebswirtschaftlichen Gründen «ein gewisses Verständnis» entgegenbringen kann. Für Andreas Opprecht, den Gemeindepräsidenten von Sulgen, ist jedoch klar: «Als öffentliches Unternehmen sollten die SBB auch andere Interessen berücksichtigen, selbst wenn diese in keinem Gesetz niedergeschrieben sind.»

Die Argumentation des Gemeinderates Sulgen deckt sich mit jener des Stadtrates Bischofszell. In Sulgen zeigt man sich enttäuscht, «wie die SBB mit einzelnen Gemeinden umgehen und den Service Public schleichend abbauen». Gerade nach der deutlichen Ablehnung der Service-Public-Initiative, die den unternehmerischen Spielraum der SBB beschnitten hätte, sei ein derartiger Kahlschlag bei den Drittverkaufsstellen unverständlich. Diese Einrichtungen seien für Kunden, die ihr Bahnbillett weder online noch über das Mobiltelefon oder einen anspruchsvollen Automaten lösen können, nämlich sehr wichtig.

Wie der Stadtrat Bischofszell legt auch der Gemeinderat Sulgen auf die Feststellung Wert, dass die Gemeinde jedes Jahr einen namhaften Betrag an den Öffentlichen Verkehr leiste. So wird darauf hingewiesen, dass die Gemeinde Sulgen im Rahmen eines gesetzlichen Verteilschlüssels jährlich 215 000 Franken an Dienstleistungen der SBB zahle.