BISCHOFSZELL: Sie jagen zu nächtlicher Stunde

80 Fledermäuse haben Franziska und Marius Heeb in diesem Jahr schon bei sich aufgenommen. Die beiden betreiben eine Pflegestation und leiten die kantonale Koordinationsstelle für den Schutz dieser Tiere.

Yvonne Aldrovandi-Schläpfer
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Franziska Heeb hält eine Wasserfledermaus in der Hand. (Bild: Yvonne Aldrovandi-Schläpfer)

Franziska Heeb hält eine Wasserfledermaus in der Hand. (Bild: Yvonne Aldrovandi-Schläpfer)

Yvonne Aldrovandi-Schläpfer

bischofszell@thurgauerzeitung.ch

Vorsichtig nimmt Franziska Heeb den Findling in die Hand. Schwups ist sie weg – die Wasserfledermaus dreht im Raum in kühnen Bogen ihre Runden. Hinter der Vorhangleiste versteckt, lässt sich die Flugakrobatin dann einfangen. «Von Erschöpfung ist nichts mehr zu spüren», meint Franziska Heeb und lacht. Die Wasserfledermaus wurde vor ein paar Tagen kraftlos auf einer Strasse in Arbon gefunden. Vorübergehend lebt das Tier nun in der Fledermausnotpflegestation an der Lindenstrasse 3 in Bischofszell. Franziska und Marius Heeb beherbergen hier verletzte, erschöpfte und ausgehungerte Fledermäuse so lange, bis sie wieder flugtüchtig in die Freiheit entlassen werden können. Die beiden leiten zudem die thurgauische Koordinationsstelle für Fledermausschutz.

Im vergangenen Jahr wurden im Kanton Thurgau insgesamt 155 Fledermäuse in den fünf Pflegestationen – Bischofszell, Bürglen, Herdern, Steckborn und Wilen bei Wil – aufgenommen. Die Tiere werden dort fachgerecht ernährt und gepflegt. Die Pflege der Fledermausfindlinge findet unter der Leitung der thurgauischen Koordinationsstelle für Fledermausschutz und in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Stiftung für Fledermausschutz statt.

Richtiges Handeln beim Auffinden eines Tieres

Heebs haben in diesem Jahr bereits rund 80 Fledermäuse bei sich aufgenommen. Zurzeit sind es fünf. «Eine Zweifarbfledermaus, zwei Zwergfledermäuse und je eine Wasser- und Bartfledermaus», zählt Franziska Heeb auf. Obwohl die Fledermäuse nun auf der Suche nach einem Winterquartier seien, erhalte sie noch fast täglich Anrufe von Leuten, die eine Fledermaus gefunden haben.

Die Leiterin der Bischofszeller Fledermausnotpflegestation betont, dass richtiges Handeln beim Auffinden eines Tieres sehr wichtig sei. Es soll nicht versucht werden, eine Fledermaus selber zu versorgen. Besonders Jungtiere und verletzte Fledermäuse seien auf sofortige und fachgerechte Hilfe angewiesen, damit sie eine Überlebenschance haben. Da Fledermäuse ein spitzes Insektenfressergebiss besitzen, dürfe das Tier nur mit Handschuhen angefasst werden. «So können Verletzungen und allfällige Krankheitsübertragungen vermieden werden», erklärt Franziska Heeb.

In der Schweiz gibt es 30 verschiedene Fledermausarten, im Kanton Thurgau sind es 20. Fledermäuse sind vom Aussterben bedroht oder gelten als gefährdet. Darum sind sie und ihre Quartiere geschützt. Da man über die kleinen Säugetiere noch wenig weiss, wird intensive Forschungsarbeit betrieben. «Die bislang älteste fossile Fledermaus ist über 52 Millionen Jahre alt», fügt Franziska Heeb an.

Fledermäuse sind nachtaktiv und ernähren sich von Insekten. «Kleine Fledermäuse fressen winzige Mücken, grössere bevorzugen Spinnen und Fliegen», erzählt Franziska Heeb. In der Notpflegestation werden die Tiere mit frischen Mehlwürmern gefüttert. Im Winter fliegen kaum Insekten. Während dieser Zeit halten Fledermäuse ihren Winterschlaf. Sie suchen sich ein sicheres Versteck, beispielsweise in Baumhöhlen, Fassadenspalten, Kellern oder Holzbeigen.

Die Betreuung erfordert viel Idealismus

Besonders während der Zeit der Nachwuchsaufzucht im Sommer herrscht in den Notpflegestationen Hochbetrieb. Die Jungtiere müssen alle zwei Stunden gefüttert und gepflegt werden. «Bei mehreren jungen Tieren in der Pflegestation bleibt nicht mehr viel freie Zeit dazwischen», weiss Franziska Heeb.

Im Thurgau arbeiten sieben ausgebildete Notpflegefachpersonen. Mit Spendengeldern kann ihre ehrenamtliche Tätigkeit unterstützt werden. Die Fledermausnotpflegestationen arbeiten auch eng mit den Tierärzten zusammen. Denn manchmal müssen die Tiere medikamentös behandelt werden. Franziska Heeb erklärt, dass die von ihnen gepflegten Fledermäuse so schnell wie möglich wieder in die Freiheit entlassen werden. Dazu werden die Tiere in der Dämmerung dorthin zurückgebracht, wo sie einst gefunden wurden.

«Die Fledermäuse, die wir pflegen, wachsen mir jeweils sehr ans Herz. Doch es ist immer ein ganz besonderer Moment, wenn wir die Tiere zurück in die Natur entlassen können», sagt Franziska Heeb freudestrahlend.