Bischofszell lebt

Randnotiz

Otto Raymann
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Letzthin wollte ich bei anbrechender Dunkelheit in der unteren Altstadt die Fenster der Wohnhäuser zählen. Nur die von wahrscheinlichen Wohnräumen in all den Gassen. Siebzehn davon waren mit Läden verschlossen. Was ja auch schon ein Zeichen sein kann. Die meisten boten sich ungeschützt meiner Einsicht dar. Keine Vorhänge, keine Lamellen, keine Storen.

Was es da alles zu sehen gab! In einem Zimmer breitete sich auf einem Doppelbett ein wahres Chaos aus. Nicht nur Pyjamas und leichte Nachtgewänder auf zerwühlten Tüchern und Decken, auch eine Jeans, ein Laptop und sogar ein Mantel lagen da. Daneben ein leer geräumtes Büchergestell. Was für eine Geschichte bahnte sich da an. Oder war sie schon vorbei? Ein paar Häuser weiter sah ich eine Frau im Stuhl sitzen. Wie alt? So ungefähr...zig. Sie schaute durchs Fenster, durch die Gasse, durch die Welt. Eine unendliche Geschichte würde sie mir erzählen, hätte ich sie durch das geschlossene Fenster danach fragen können.

Und hinter einem, nein zwei Fenstern tollten Kinder herum. Da ging es vielleicht hoch zu und her. Wo war die grenzensetzende Person? Und dort küssten sich zwei. Ich schaute weg, es war zu intim. Und ja, ich muss es gestehen, ob dem ganzen Beobachten habe ich das Zählen vergessen. Aber Bischofszell lebt – auch hinter den Fenstern!

Otto Raymann