BISCHOFSZELL: Gratwanderung in engen Stiefeln

Die angespannte finanzielle Situation erweist sich 2016 als grösste Herausforderung. Stadtpräsident Thomas Weingart hat aber auch Grund zur Freude. Die Einwohner rücken zusammen und engagieren sich in unterschiedlicher Weise für ihren Wohnort.

Georg Stelzner
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Stadtpräsident Thomas Weingart schaut über das Balkongeländer des Rathauses auf die Bischofszeller Altstadt; er blickt auf ein interessantes Jahr zurück. (Bild: Donato Caspari)

Stadtpräsident Thomas Weingart schaut über das Balkongeländer des Rathauses auf die Bischofszeller Altstadt; er blickt auf ein interessantes Jahr zurück. (Bild: Donato Caspari)

Georg Stelzner

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@thurgauerzeitung.ch

«Wir sind extrem vorwärtsgekommen, 2016 war für Bischofszell eine gute, produktive Zeit», sagt Thomas Weingart. Auf einer Skala von 1 bis 10 würde der Stadtpräsident das zu Ende gehende Jahr mit der Note 9 bewerten. Die Bestnote verhindert hätten einzig die Probleme mit der Haldenstrasse, die wegen des Hangrutsches für den motorisierten Verkehr gesperrt werden musste. «Die Angelegenheit ist höchst ärgerlich», räumt der Stadtpräsident freimütig ein.

Im Jahr 2016 waren nach den Worten Weingarts in vielen Bereichen konzeptionelle Arbeiten auszuführen und strategische Weichenstellungen vorzunehmen. «Abschliessen konnten wir relativ wenig, vieles ist noch in der Pipeline», stellt der Stadtpräsident zusammenfassend fest. Nichtsdestotrotz habe es auch heuer handfeste Resultate gegeben. Weinart verweist auf das Tourismus- sowie das Grundstücks- und Liegenschaftenkonzept, die verschiedenen Reglemente, die Einweihung des Jugendtreffs am neuen Standort, die Einführung des Rechnungsmodells HRM2, die Verwaltungsanalyse und die Leistungsüberprüfung. Bedeutende Fortschritte seinen im Hinblick auf die Verselbständigung der Technischen Gemeindebetriebe (TGB), die künftige Trägerschaft des Altersheims Bürgerhof sowie die Zusammenlegung der Abwasserreinigungsanlagen in Bischofszell und Halden erzielt worden. Als persönliche Highlights bezeichnet Weingart die Durchführung der Landsgemeinde in Schweizersholz mit fast 500 Teilnehmern und die erstmalige Veranstaltung eines Kinderfestes.

Nicht beeinflussbare Kosten erschweren die Aufgabe

In den vergangenen zwölf Monaten musste Thomas Weingart auch «Lehrgeld zahlen», wie er es selber formuliert. «Ich habe erkannt, dass es praktisch nichts gibt, das genau so abläuft, wie man es sich im Idealfall wünschen würde», erklärt der Stadtpräsident. Das Gefühl, etwas gut und richtig gemacht zu haben, sei bisweilen trügerisch. Von einem Tag auf den andern könne sich die Behörde mit Einsprachen konfrontiert sehen. Der Anspruch und die Erwartungshaltung der Bürger gegenüber der Stadtverwaltung seien mittlerweile sehr hoch, gibt Weingart zu bedenken.

Ein Schuh, der 2016 gehörig gedrückt hat, ist der finanzielle Zustand der Stadt Bischofszell. Weingart unternimmt auch keinerlei Versuch, die Lage zu beschönigen. «Die Situation ist unverändert ernst. Wir beklagen nach wie vor ein strukturelles Defizit im Ausmass von einer halben Million Franken und die Substanz ist bald aufgebraucht», spricht der Stadtpräsident Klartext.

Man werde Abstriche machen und einen Leistungsabbau ins Auge fassen oder den Steuerfuss erhöhen müssen. Grosse Hoffnungen, dass sich Letzteres noch lange vermeiden lässt, kann Weingart den Steuerzahlern nicht machen. Man werde zwar auch im nächsten Jahr eine Leistungsüberprüfung durchführen und nach Sparpotenzial Ausschau halten, «doch irgendwann ist die Zitrone auch einmal ausgepresst».

Erschwerend wirkt sich nach den Worten Weingarts der Umstand aus, dass die beeinflussbaren Kosten klein seien, was den Handlungsspielraum des Stadtrates entscheidend einenge. Eine weitere Knacknuss könnte zudem die nächste Unternehmenssteuerreform werden, führt der Stadtpräsident aus. Diese hätte gravierende Auswirkungen auf den Finanzhaushalt Bischofszells. Die angespannte finanzielle Situation dürfe jedoch kein Hemmschuh für die Entwicklung der Stadt sein, betont Weingart und spricht in diesem Zusammenhang von einer Gratwanderung. «Wir können nicht im Status quo verharren, sondern müssen unsere Strukturen auf die Zukunft ausrichten.» Dafür seien Investitionen erforderlich.

In Anbetracht der schwierigen Konstellation mit dem Schicksal zu hadern, liegt dem Bischofszeller Stadtoberhaupt fern. Vielmehr vermag Weingart in der momentanen Zwickmühle auch einen positiven Nebeneffekt zu erkennen. «Man hinterfragt, man überprüft und man optimiert. Man muss sich in einer solchen Situation viel erklären, was man vermutlich nicht oder nicht in der gleichen Intensität tun würde, wenn ohnehin alles rund läuft», sagt Weingart.

Der Geist des Miteinanders zeigt positive Wirkung

Ein sehr gutes Zeugnis stellt der Stadtpräsident der Bischofszeller Bevölkerung aus. Sein Appell, das Miteinander zu pflegen, sei auf fruchtbaren Boden gefallen. Nicht zuletzt an der Landsgemeinde in Schweizersholz sei dieser Geist zu spüren gewesen. Er habe aber auch in der Gründung neuer Quartiervereine oder durch die Beteiligung an Anlässen wie dem Lebendigen Adventskalender seinen Niederschlag gefunden.

Zufrieden äussert sich Weingart auch über die Entwicklung des politischen Klimas in der Stadt. «Ich erlebe es als überaus konstruktiv», sagt er. Für die Ortsparteien findet er anerkennende Worte. Diese begegneten dem Stadtrat mit «kritischem Goodwill». Genauso solle es auch sein, findet Weingart. Die Beteiligung der Parteien an den verschiedenen Vernehmlassungen der jüngsten Vergangenheit sei wichtig gewesen, da der Stadtrat dadurch wichtige Anhaltspunkte bekommen habe.

Was seine eigene weltanschauliche Positionierung betrifft, versichert Weingart, dass ein Beitritt zu einer Partei weiterhin kein Thema sei. «Die Wähler haben mich im Jahr 2015 mit dem Etikett des parteiunabhängigen Kandidaten in dieses Amt berufen, und daran soll sich nichts ändern.» Der Stadtpräsident räumt aber ein, dass es «diverse Anfragen aus der politischen Mitte» gegeben habe. «Ich werte das als Zeichen der Anerkennung für meine bisherige Arbeit und freue mich auch darüber.» Dennoch werde er standhaft bleiben, zumal ihm aus der Unabhängigkeit bisher auch keine Nachteile erwachsen seien.