BISCHOFSZELL: Der neue Text besteht den Stresstest

Zur Feier des 725. Geburtstages der Schweizerischen Eidgenossenschaft hat sich der Verkehrsverein Bischofszell etwas Besonderes einfallen lassen. Erstmals lässt er die Bundesfeier mit drei Liedern ausklingen.

Georg Stelzner
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Am Ende der Bundesfeier singen die Einwohner in der Bitzihalle auch den neuen Textvorschlag für den Schweizerpsalm; die Stadtmusik Bischofszell spielt die Melodie dazu. (Bild: Georg Stelzner)

Am Ende der Bundesfeier singen die Einwohner in der Bitzihalle auch den neuen Textvorschlag für den Schweizerpsalm; die Stadtmusik Bischofszell spielt die Melodie dazu. (Bild: Georg Stelzner)

Zur Feier des 725. Geburtstages der Schweizerischen Eidgenossenschaft hat sich der Verkehrsverein Bischofszell etwas Besonderes einfallen lassen. Erstmals lässt er die Bundesfeier mit drei Liedern ausklingen. Neben dem altehrwürdigen Schweizerpsalm und dem Thurgauerlied wird auch der mit einem neuen Text aufgepeppte Schweizerpsalm gesungen. Diese Ankündigung hat

ein unerwartetes Medienecho ausgelöst und wohl einige der rund 200 Personen im Saal zum Besuch des Anlasses animiert.

Verlockungen des Buffets

Bevor es in der Bitzihalle

zum gesanglich-musikalischen Showdown kommt, steht ein kulinarischer Genuss in Form eines 1.-August-Brunchs auf dem Programm. Auch das hat

in der Rosenstadt mittlerweile Tradition. Unter der Regie von Franz Jegerlehner hat das Küchenteam ein reichhaltiges Buffet zubereitet. Rechtzeitig um halb elf Uhr stehen 10 kg Käse, 8 kg Fleisch, 20 kg Rösti, 40 kg Brot, 25 kg Birchermüesli und 180 Eier zum Verzehr bereit. Der Andrang ist bereits in der ersten Viertelstunde gross. Stadtrat Boris Binzegger ist für die Abgabe der Spiegeleier zuständig und erweist sich bei der ungewohnten Tätigkeit mit Fortdauer immer geschickter.

An den mit kleinen Schweizer Flaggen geschmückten Tischen kommen die Gäste rasch miteinander ins Gespräch. Es wird über vieles diskutiert, am wenigsten über Politik. Der Glockenschlag in der Altstadt zu nächtlicher Stunde ist ebenso ein Thema wie die tiefe Temperatur am Morgen des Nationalfeiertages. «Ich habe heuer gar keine Schüler gesehen, die 1.-August-Abzeichen verkaufen», wundert sich ein älterer Bischofszeller. Ein ganz anderes Problem hat der Sitznachbar: «Beim Brunchen geht es nie auf, es bleibt immer etwas übrig.» Hans-Martin Baumann, Präsident des Verkehrsvereins, lädt alle ein, ihre Teller zu behalten, solange der Appetit anhalte.

Staatskundliche Lektion

Stadtpräsident Thomas Weingart ruft im Grusswort der Stadt dazu auf, sich für Freiheit, Unabhängigkeit und Frieden einzusetzen – gerade in der heutigen Zeit, wo sich im Ausland

so viel Schreckliches ereigne.

In der Schweiz seien diese Werte selbstverständlich. So sehr, dass sie oftmals gar nicht mehr wahrgenommen würden.

Die Festrednerin, Regierungsrätin Cornelia Komposch, befasst sich mit dem Prinzip der Subsidiarität. Dieses hat in der Schweiz geradezu identitätsstiftenden Charakter und funktioniert so: Nur Aufgaben, die eine kleine Einheit nicht zu leisten vermag, werden von der nächsthöheren übernommen. Dadurch werde eine Machtkonzentration des Bundes auf Kosten der Kantone und Gemeinden verhindert, erklärt Komposch. Die sozialdemokratische Politikerin beklagt einen Missbrauch des Begriffs und warnt vor einem Sozialabbau. Komposchs Rat: «Nur wenn wir gemeinsam unsere politischen Möglichkeiten wahrnehmen, schaffen wir lebenswerte Grundlagen für unsere Nachkommen.»

Gegner allein auf weiter Flur

Nun dauert es nicht mehr lange bis zu den Minuten der Wahrheit. Wird der neue Text für die Schweizer Nationalhymne Anklang finden? Pius Hofstetter versucht sich in einer neutralen Position: «Ich habe grundsätzlich nichts gegen den neuen Text einzuwenden, erachte den alten aber keineswegs als so antiquiert, dass man ihn ersetzen müsste.» Thomas Müllers Standpunkt ist da eindeutiger: «Man darf einen alten Zopf auch mal abschneiden», sagt er und findet es absolut in Ordnung, dass am 1. August 2016

in Bischofszell beide Versionen gesungen werden. Leise Kritik übt er aber auch an der neuen Fassung: «Für mich ist der Text noch einen Tick zu patriotisch.» Er würde sich statt dessen die Erwähnung der schönen heimischen Landschaften wünschen.

Dann kündigt der Verkehrsvereinspräsident die drei Hymnen an. Ein Besucher der Feier quittiert diese Ansage mit einem verschämten, aber gut hörbaren «Buh!». Beim Singen ist dann aber kein Unterschied auszumachen. Beide Versionen werden gleich inbrünstig gesungen. Gegen das schmissige, Lebensfreude und Heimatstolz zum Ausdruck bringende Thurgauerlied hat aber weder der alte noch der neue Schweizerpsalm eine Chance. Die Bischofszeller sind in erster Linie Thurgauer!