Bindungen betonen

Leuchtturm

Drucken
Teilen

Wenn eine englischsprachige Person an der Romanshorner Badi vorbeigeht, wähnt sie sich dann vor einer grossen Optikerwerbung? «See» heisst ja «sehen», «Bad» bedeutet «schlecht». Jedenfalls: Unser «See Bad» war eines der ersten Logos, das mir aufgefallen ist. Die Bezeichnung ist – grammatikalisch falsch – ohne Bindungsstrich geschrieben. Heute sieht man dies zuhauf. Entsteht dieser Fehler durch den Einfluss des Englischen, das den Bindestrich weniger gebraucht?

Der deutsche Bindestrich gefällt mir nämlich. Er ist nicht dasselbe wie ein Trenn- oder Gedankenstrich oder ein Minus. Die deutsche Sprache hat die geniale Einfachheit – neben zugegebenermassen grossen Herausforderungen –, dass Hauptwörter fast endlos aneinander gereiht werden dürfen. «Seehafenbahnhofsrestaurants­chefin» zum Beispiel. Oder es kann mit dem Bindestrich eine besondere Beziehung hervorgehoben werden: «Stadt-am-Wasser-Hafentour».

Sind Bindung und Beziehung nicht der Zweck der Sprache? Sie gehören zur Natur des Menschen, sie machen ihn aus. Als soziales Wesen verkümmert er ohne menschliche Beziehungen, für die gesunde Entwicklung seiner seelisch-geistigen Fähigkeiten braucht er Beziehung zu etwas Höherem. Technik kann (Ver-)Bindungen vielleicht erleichtern, aber niemals ersetzen. Facebook-«Freunde» sind selten echte Beziehungen. Strassen oder Verkehrsmittel vereinfachen das Reisen, aber garantieren keine Begegnungen. Sinngebende, erfüllende Bindungen und Beziehungen erfordern vom Menschen einen Schritt zum Andern. So wie ich einen Schritt ins Wasser machen muss, um den See als Bad zu erleben. In diesem Sinne schenke ich unserem «See Bad» einen «-».

Mark Kilchmann-Kok