Bibel trifft Koran

Kindern die Weltreligionen näherzubringen, ist in unseren Zeiten ein heisses Eisen geworden. Die Primarschule Romanshorn hat mit einer Ethikwoche für Viert- bis Sechstklässler einen besonderen Weg gewählt.

Daniel Walt
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Fünf Religionen und ihre Symbole: Judentum, Christentum, Hinduismus, Islam und Buddhismus. (Archivbild: ky)

Fünf Religionen und ihre Symbole: Judentum, Christentum, Hinduismus, Islam und Buddhismus. (Archivbild: ky)

«Ziel der Ethikwoche ist es nicht, einen bestimmten Glauben anzupreisen. Die Kinder sollen vielmehr etwas über andere Religionen erfahren können.» Das sagt Barbara Schwarzenbach, Schulleiterin an der Primarschule. Die Ethikwoche, deren zweite Austragung bevorsteht, soll die verbindenden Elemente zwischen den Weltreligionen betonen.

Für vierte bis sechste Klassen

Der Lehrplan fordert, dass Primarschüler die Weltreligionen sowie deren wichtigste Werte kennenlernen. Wie das zu geschehen hat, bleibt weitgehend offen.

Wie Barbara Schwarzenbach festhält, wählte die Primarschule die Form einer Ethikwoche, um das Ganze nicht dem Gutdünken der einzelnen Lehrpersonen zu überlassen. Vor allem aber auch, um ihnen bei dieser anspruchsvollen Aufgabe Entlastung zu bieten. Schwarzenbach, das damalige Primarschulbehördenmitglied Sibylle Hug sowie Lehrerin Edith Züllig gingen die Planung der ersten Ethikwoche an.

Das Konzept sieht vor, dass sich die jeweiligen vierten Klassen dem Christen- sowie dem Judentum widmen. Währenddem beschäftigen sich die fünften Klassen mit dem Islam und die sechsten Klassen mit dem Buddhismus sowie dem Hinduismus.

Besuch in heiligen Stätten

Wie Judith Borer, Dozentin an der Pädagogischen Hochschule und kantonale Beraterin Schule und Religion, festhält, ist das Konzept einer jährlich stattfindenden Ethikwoche im Thurgau in dieser Form einzigartig.

Der Kontakt der Primarschüler mit den Weltreligionen in der Ethikwoche geschieht in Romanshorn auf anschauliche Weise. So unternahmen bei der Premiere jene Kinder, die sich mit Christen- und Judentum beschäftigten, eine Reise in die Zeit von Moses. «Thematisiert wurde etwa der Auszug aus Ägypten. Dann aber auch die Kreuzigung Jesu oder Ostern», sagt Barbara Schwarzenbach. Auch der Besuch einer Kirche gehörte zum Programm.

Die Fünftklässler ihrerseits besuchten einen islamischen Gebetsraum in Romanshorn und hatten die Gelegenheit, einer Türkin, einem zum Islam konvertierten Schweizer sowie einem Vertreter einer islamischen Gemeinschaft Fragen zu stellen. Die Sechstklässler schauten Filmsequenzen zum Thema Buddhismus und Hinduismus. «Dann wurde über die goldene Regel, Ähnlichkeiten zu den zehn Geboten und Werte gesprochen», so Barbara Schwarzenbach.

Kein Widerstand von Eltern

Welche Reaktionen kamen der Primarschule nach der ersten Ethikwoche zu Ohren? Es habe nur vereinzelte Rückmeldungen von Elternseite gegeben, sagt Barbara Schwarzenbach. Neben Lob sei von einigen christlichen Eltern kritisiert worden, dass den übrigen Religionen gleich viel Platz eingeräumt werde. «Von moslemischer Seite waren jene Reaktionen, die kamen, positiv», so Schwarzenbach.

Da der Lehrplan im Bereich Biblische Geschichte, Religion und Kultur keine Dispensationen aus religiösen oder weltanschaulichen Gründen vorsieht, ist für Barbara Schwarzenbach klar, dass alle Viert- bis Sechstklässler die Ethikwoche auch zu besuchen haben. Bei drei, vier Kindern anderen Glaubens sei vor dem Betreten der Kirche ein gewisser Widerstand zu spüren gewesen. Dieser konnte aber ohne weitere Schwierigkeiten überwunden werden.

Politik bleibt aussen vor

Bei Schülern wie Lehrern fand die erste Ethikwoche Anklang. Das bestärkte die Schule, mit dem Anlass im kommenden März weiterzufahren. Wird das mittlerweile vom Volk angenommene Minarettverbot Aufnahme in die Präsentation des Islam finden? Barbara Schwarzenbach winkt ab: «Es geht bei der Ethikwoche nicht um Politik.» Aus welchen Teilen eine Moschee bestehe, könne im Rahmen der Ethikwoche aber durchaus abgehandelt werden.

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