Besuch in der «Zickenstube»

Gutbertshausen besteht aus acht Häusern. Die meisten Einwohner arbeiten auswärts. Eintönig ist der Weiler allerdings nicht: Es gibt einen Bauernhof, eine Gesundheitspraxis, eine Beiz und ein Weingut. Annina Flaig (Text) und Andrea Stalder (Bilder) haben hier einiges erlebt.

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Ein ehrwürdiges Daheim: Ruth Oswald und Nachbar Julius Zehnder vor ihrem 200jährigen Doppelbauernhaus. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

Ein ehrwürdiges Daheim: Ruth Oswald und Nachbar Julius Zehnder vor ihrem 200jährigen Doppelbauernhaus. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

GUTBERTSHAUSEN. Ein falsches Wort, und man ist entlarvt. «Die ist nicht von hier», heisst es dann am Stammtisch im «<Brunnestübli> z'Goppertshuuse». So nennt man den Weiler zwischen Sulgen und Götighofen nämlich.

Acht Häuser gehören zu diesem Weiler. Das erste von Sulgen her ist das «Brunnestübli». Manchmal singt hier zu nächtlicher Stunde der Männerchor. Fotos an den Wänden lassen erahnen, wie lustig es dann zugeht.

Aber das eine von der Zeitung einkehrt, wirkt offenbar seltsam. «Was schreiben Sie da eigentlich auf?», fragt die Beizerin Karin Widmer. «Zickenstube» steht auf der Garage geschrieben, die sie zur Beiz umfunktioniert hat. Etwas Geheimnisvolles haftet dem Ort an. Ein vertraulicher Kreis Geschäftsherren trifft sich hier jede Woche und treibt das Business voran. «In Gutbertshausen erfährt man immer etwas Neues», verrät einer.

Ein Blickfang als Zuhause

Das Kommen und Gehen im «Brunnestübli» stört die Nachbarn offenbar nicht. Drei Einheimische trinken hier regelmässig Kaffee. Eine davon ist Ruth Oswald von gegenüber. Ihr Zuhause ist ein Blickfang. Das Doppelriegel-Bauernhaus mit Baujahr 1813 hat einen Stall auf jeder Seite und wirkt unendlich lang. Seit 52 Jahren ist die frühere Bäuerin hier daheim. Die Sitzbank vor ihrem Haus hat Moos angesetzt. Zeit, sich hinzusetzen, nimmt sich die 75-Jährige selten. Dabei hat man von hier einen phantastischen Ausblick und die beste Sicht auf den Gutbertshauser Dorfbrunnen (siehe Kasten).

Bundesrat spaziert durchs Dorf

«Beim Brunnen machen wir einmal im Jahr eine <Dorfhockete>», sagt Julius Zehnder, dessen Familie die andere Hälfte des Doppelhauses bewohnt. Es ist der letzte Hof mit Vieh im Dorf. Hierhin gehören auch die zehn Mutterkühe mit ihren Kälbern, die einen am Dorfeingang beäugen. Weiter hinten geniessen noch acht Ziegen und zwei Wollschweine die idyllisch-kleine Ansiedlung.

«Mehr Häuser wird es nicht geben. Denn es gibt hier kein Bauland», weiss Margrit Streit. Auch sie bewohnt eines der alten Landhäuser, die den Weiler prägen. Gutbertshausen sei eigentlich ein Schlafdorf. «Die meisten arbeiten ausserhalb und kommen nur zum Übernachten zurück», erzählt die 60-Jährige. Man ist geneigt zu behaupten, dass man es zuvorderst im Dorf hört, wenn zuhinterst jemand hustet. So dicht wohnen die «Goppertshuuser» beieinander, weil es früher eben nur einen Brunnen in der Dorfmitte gab. «Keiner wollte das Wasser weit tragen. Und so haben alle ihre Häuser nahe beim Brunnen gebaut», sagt Paul Rutishauser, der viel Historisches über den Weiler weiss. «Dorfältester» nennt man ihn in Gutbertshausen weiterhin, auch wenn der 83-Jährige Altnationalrat bereits seit drei Jahren in Sulgen lebt. Rutishauser hatte es auch eingefädelt, wenn früher hin und wieder ein Bundesrat durchs Dorf spazierte. Ogi, Leuenberger, Couchepin, Merz und Blocher. Sie alle waren schon zu Besuch – wohl nicht ohne den einheimischen Wein zu trinken. Denn das vielseitige Kaff beheimatet nebst der Beiz, dem Bauernhof und einer Gesundheitspraxis, die auf Ayurveda-Massagen spezialisiert ist, auch einen Rebberg. Dieser liegt etwas oberhalb des Weilers hinter dem Dickenbauelwald.

Die Fremden im Rebhüsli

Das Weingut Hohenfels mit den Obstanlagen gehörte lange den Rutishausers. Vor drei Jahren wurde es von der Familie Huber übernommen. Christian Huber ist ein umtriebiger Chrampfer. Der 57-Jährige hat nicht nur das alte Landhaus umgebaut, sondern auch den Rebberg erweitert und teilweise erneuert. Dennoch bleibt es ein kleiner Betrieb. Rund 5000 Flaschen Wein werden jährlich produziert. Seine Partnerin wohnt seit April hier. Heidi Conradt schwärmt von allen am meisten: «Der Weiler ist einmalig in die Landschaft eingebettet.»

Besuch empfangen beide mit offenen Armen. Wenn der Abend schön ist und die Stimmung gut, zeigen sie den Fremden ihr schmuckes Rebhüsli und öffnen eine Flasche Wein aus erlesenen Gutbertshauser Trauben.

Reizvoll in die Landschaft eingebettet: Der Weiler Gutbertshausen zwischen Götighofen und Sulgen. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

Reizvoll in die Landschaft eingebettet: Der Weiler Gutbertshausen zwischen Götighofen und Sulgen. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

Fröhliche Runde im «Brunnestübli»: Wirtin Karin Widmer mit Gästen. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

Fröhliche Runde im «Brunnestübli»: Wirtin Karin Widmer mit Gästen. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

Ein Schmuckstück: Heidi Conradt und Christian Huber beim Rebhüsli. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

Ein Schmuckstück: Heidi Conradt und Christian Huber beim Rebhüsli. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

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