Bejubelt und verteufelt

Luthers Reformen im Armenwesen und in der Bildung sowie sein Beitrag zur Entwicklung der deutschen Sprache sind unbestritten. Doch persönlich war der Reformator ein Schwieriger, sagt Pfarrer Karl F. Appl.

Esther.simon@thurgauerzeitung.ch
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Der Märstetter Pfarrer Karl F. Appl während des Referats am Donnerstagabend im Kirchgemeindehaus in Bürglen. (Bild: Reto Martin)

Der Märstetter Pfarrer Karl F. Appl während des Referats am Donnerstagabend im Kirchgemeindehaus in Bürglen. (Bild: Reto Martin)

Martin Luther war nur eine von vielen Figuren der Reformation, wie auch die Reformation nicht nur am 31. Oktober 1517 in Wittenberg stattgefunden hat. Das sagte der Märstetter Pfarrer Karl F. Appl am Donnerstagabend im Kirchgemeindehaus. Eingeladen zum Vortrag hatte in verdienstvoller Weise die evangelische Kirchgemeinde Bürglen aus Anlass des Reformationsjubiläums. Obschon Luther, der von 1483 bis 1546 lebte, nur eine von vielen Figuren der Reformation war, widmete Pfarrer Appl dem Reformator aus Wittenberg mehr als eine Stunde Redezeit, wobei er Luthers Lebensdaten geschickt mit den damaligen Ereignissen in Europa verwob.

Luther forderte Bildung für alle

Appl, der übrigens als Erster die Geschichte der evangelischen Kirche in Chile niederschrieb, hat sich zeitlebens mit Luther befasst. Am Wittenberger Reformator imponiert ihm unter anderem, dass er Bildung für alle (auch für Mädchen) forderte, dass er sich gegen das Betteln aussprach zu Gunsten einer geregelten Armenfürsorge, und dass er mit der Übersetzung der Bibel aus dem Griechischen einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung der deutschen Sprache leistete. Luther habe aber auch seine Schattenseiten gehabt, sagte der Referent. «Toleranz war für ihn ein Fremdwort. Er war launisch, und gegen das Ende seines Lebens schlug die Abneigung gegen die Juden in Hass um.» Luthers Überzeugungen hätten allerdings ohne Johannes Gutenberg, der 1440 die Druckerpresse erfunden hatte, nicht so rasch und weitherum verbreitet werden können, sagte Pfarrer Appl. Luther kam auch zustatten, dass 1444 in Basel erstmals Papier hatte hergestellt werden können.

Luther war in die Epoche zwischen Mittelalter und Neuzeit hinein geboren worden. «Die Städte wurden immer grösser, die Nahrungsmittel knapp, und Krankheiten griffen um sich», sagt Appl, «die Menschen lebten in dauernder Angst vor der Hölle und waren auf der Suche nach einem gnädigen Gott.» Die Frage, was der Mensch tun müsse, um nicht in die Hölle zu kommen, interessierte auch Luther brennend. Schliesslich war er überzeugt, dass der Mensch sein Heil nicht erkaufen könne wie etwa im Ablasshandel, sondern dass das Heil allein durch den Glauben eintrete. Allein der Glaube also mache gerecht. Nach seinem Tod sei Luther sowohl bejubelt als auch verteufelt worden. Das Dritte Reich berief sich bei der Vernichtung der Juden auf ihn. Für die einen war er der Kirchenspalter, für die anderen der «Erleuchter des Glaubens.»

Im Jubiläumsjahr der Reformation hätten die Evangelischen kaum Grund, sich auf die Brust zu schlagen, sagte Pfarrer Appl. «Zu feiern ist schwierig, aber erinnern muss man sich.» Im Gedenken an die Reformation sollten sich die Kirchgemeinden überlegen, wo sie hin wollten. Sicher sei, sagte Pfarrer Appl: «Der Mensch gehört in den Mittelpunkt unseres Denkens, denn er ist von Geburt her von Gott mit einer besonderen Würde ausgestattet worden.»

Esther Simon

esther.simon@thurgauerzeitung.ch