Auge in Auge mit der Finanzkrise

Seit 1. März ist Michel Bieri «Kompass»-Geschäftsführer. Er hat die neue Aufgabe in einer Zeit übernommen, in der die kantonal tätige Arbeitsintegration auf die bislang grösste Herausforderung ihrer Geschichte zusteuert.

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Michel Bieri hat die Leitung der Kompass Arbeitsintegration von Dario Schlegel übernommen. (Bild: Reto Martin)

Michel Bieri hat die Leitung der Kompass Arbeitsintegration von Dario Schlegel übernommen. (Bild: Reto Martin)

Herr Bieri, welche Gedanken gehen Ihnen bei der Lektüre des Wirtschaftsteil der Zeitungen durch den Kopf?

Michel Bieri: Dass Integrationsprogramme boomen, wenn es der Wirtschaft schlecht geht, liegt in der Natur der Sache. Das läuft gewissermassen antizyklisch. Mir ist bewusst, dass im «Kompass» jetzt alle stark gefordert sind. Wir sind auch ein Unternehmen und müssen uns überlegen, wie wir in dieser Situation richtig reagieren. Speziell dabei ist, dass wir einen öffentlichen Auftrag haben.

Als Sie Ihr Interesse für die Stelle in Bischofszell anmeldeten, taten Sie dies noch in einer relativ «heilen Welt». Hätte die Finanzkrise Ihre Entscheidung beeinflusst?

Bieri: Ich glaube nicht, dass mich das abgeschreckt hätte. Respekt vor der Aufgabe hatte ich aber schon damals.

Was hat Sie denn bewogen, sich als Geschäftsführer des «Kompass» zu bewerben?

Bieri: In erster Linie die Lust am Neuen, ich habe gerne Veränderungen. Ich werde dieses Jahr 40 und erachte den Zeitpunkt für eine neue berufliche Ausrichtung als günstig, zumal sie vor dem Hintergrund meiner beruflichen Weiterbildung ein folgerichtiger Schritt ist. Eine wichtige Rolle hat aber auch gespielt, dass mir die Anstellung in Bischofszell die Chance gibt, wieder ein geregelteres Familienleben zu führen, als dies in den vergangenen neun Jahren möglich war.

Welchen Eindruck haben Sie in den ersten drei, vier Wochen vom «Kompass» gewonnen?

Bieri: Dass es sich hier um einen strukturierten Betrieb handelt, der seine Hausaufgaben in der Vergangenheit gemacht hat, und der auch jetzt, in einer Zeit des grossen Drucks, ausgezeichnet funktioniert. Nach der Pionierzeit, die vor drei bis vier Jahren zu Ende gegangen ist, befindet sich der «Kompass» jetzt am Beginn einer Integrationsphase.

1998 startete man mit zwölf Erwerbslosen, acht Jahre später wurde mit 220 Personen der bisherige Höchststand erreicht. Mit welchen Zahlen rechnen Sie in den nächsten Jahren?

Bieri: So viele werden es kaum mehr werden. Die Devise des Kantons lautet jetzt «Qualität vor Quantität», was für uns bedeutet, dass wir bezüglich Teilnehmerzahl nicht mehr wachsen dürfen. Was geschieht, wenn die Entwicklung noch dramatischere Ausmasse annimmt als erwartet, das ist eine andere Frage. Dann wird man wohl alles nochmals überdenken müssen. Unser aktuelles Budget ist auf 140 bis 150 Programmteilnehmer ausgerichtet.

Wer ist besonders gefährdet, seine Stelle zu verlieren? Gibt es den «klassischen» Arbeitslosen noch?

Bieri: Den gibt es nach wie vor. In einer schwierigen Lage sind Leute mit schlechten Sprachkenntnissen und mangelhafter oder sogar fehlender Ausbildung. Diese Personen bedürfen denn auch einer doppelten Unterstützung. Es sind vor allem Angehörige dieser Gruppe, mit denen wir es zu tun haben. Gutausgebildete Handwerker landen selten bei uns.

Der «Kompass» ist selber auch Arbeitgeber. Wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden im Moment beschäftigt?

Bieri: Derzeit teilen sich 24 Frauen und Männer 2140 Stellenprozente. Angestellt sind vor allem Sozialpädagogen, Arbeitsagogen und Handwerker. Eine Aufstockung des Personals ist aus dem erwähnten Grund kein Thema. Eine Organisation wie der «Kompass» muss flexibel sein und rasch auf Veränderungen in der Wirtschaftswelt und auf dem Arbeitsmarkt reagieren. Das bedeutet, dass bei der Planung auch ein künftiges Schrumpfen des Betriebs im Auge zu behalten ist.

Genügen die Ressourcen, um angemessen auf die momentane Finanzkrise reagieren zu können?

Bieri: Noch reichen sie, wurde in den letzten Jahren doch eine stabile personelle und infrastrukturelle Basis geschaffen. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit wirkt sich aber bereits negativ aus. Standen dem Kanton im Vorjahr monatlich noch 3500 Franken pro Erwerbslosen zur Verfügung, so kann dieser Betrag heute in einer Abstufung bis auf 1700 Franken sinken.

Der «Kompass» ist auf zwei Feldern tätig. Welchem Bereich muss in Zukunft mehr Bedeutung beigemessen werden: der Beschäftigung oder der Agogik?

Bieri: Früher war der Beschäftigungsanteil grösser, heute wird der Agogik vermehrt Beachtung geschenkt, das heisst der professionellen Leitung und Begleitung sowie der Verhaltensmodifikation von Menschen mit dem Ziel der besseren Arbeitsintegration. Wir müssen uns auch stets überlegen, welche Massnahmen einer Integration gerade am besten dienen.

Würden Sie sich beim Krisenmanagement eine aktivere Rolle des Staates wünschen?

Bieri: Eine schwierige Frage. Einerseits sind wir darauf angewiesen, unser Unternehmertum ausleben und kostengünstig arbeiten zu können, andererseits müssen wir innerhalb eines vom Staat verordneten Korsetts agieren. Das Ganze ist eine Gratwanderung, die Gespräche mit den staatlichen Stellen sind aber konstruktiv.

Der «Kompass» hat in letzter Zeit vermehrt am öffentlichen Leben in Bischofszell teilgenommen. Was halten Sie davon?

Bieri: Sehr viel. Es ist für uns überaus wichtig, von der Bevölkerung authentisch wahrgenommen zu werden. Die Präsenz in der Öffentlichkeit ermöglicht es uns nicht nur, nach wie vor vorhandenen Vorurteilen entgegenzutreten. Öffentlichkeitsarbeit hilft uns auch, ein Netzwerk an Geschäftsbeziehungen zu knüpfen. Im Moment stehen wir zum Beispiel in einem harten Kampf um Aufträge für unsere Industriewerkstatt.

Wie haben Sie und Ihre Familie sich in Bischofszell eingelebt?

Bieri: Ich habe weder die Stadt Bischofszell noch den Kanton Thurgau vorher gekannt. Wir wurden herzlich willkommen geheissen und sehr gut aufgenommen. Auch die Kinder fanden schnell Anschluss. Gewöhnungsbedürftig ist für mich nur noch der Nebel.

Interview: Georg Stelzner

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