Auf ein Bier mit dem Löwen

Der Circus Royal machte diese Woche halt in Romanshorn. Das Aushängeschild des Programmes ist eine Dompteuse mit ihren Tigern. Für Romanshorn nichts Neues: Denn Shows mit Raubkatzen haben hier seit dem Künzler Zoo Tradition.

Michèle Vaterlaus
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Elsi Künzler und Dompteur Jürg Jenny mit jungen Tigern.

Elsi Künzler und Dompteur Jürg Jenny mit jungen Tigern.

ROMANSHORN. Raubkatzen faszinieren. Ihre Eleganz, die Gefahr, die von ihnen ausgeht – sie ziehen das Publikum in ihren Bann. Auch der Circus Royal setzt in seinem Programm «Im Auge des Tigers» auf Raubkatzen als Publikumsmagnet. Diese Woche machte der Zirkus Halt in Romanshorn.

Doch für die Stadt am Wasser ist die Show mit Raubkatzen nichts Neues. Denn bis in die 1970er-Jahre hatte die Gemeinde ihren eigenen Zoo – mit Raubtieren. Das besondere daran: Zur Unterhaltung der Zoobesucher gab es Zirkusnummern mit Grosskatzen. Einige weltberühmte Dompteure haben ihre Karriere hier gestartet.

Der Zoo ist aus dem Tierhandel entstanden. «Wir haben gedacht, dass sich der Handel gut mit einem Zoo verbinden lasse, quasi als zusätzliche Einkommensquelle», sagt Elsi Künzler, die Frau des Zoogründers Karl Künzler. Mit ihrem Mann, der vor drei Jahren verstorben ist, erwarb sie daher 1964 Land zwischen Romanshorn und Amriswil direkt an der Aach und eröffnete den Zoo. Zeitweise lebten bis zu 200 Tiere dort: Löwen, Panther, Tiger und Katzen, Lamas, Krokodile, Dingos, Bären, Greifvögel und Affen. Die Hauptattraktionen waren aber die Shows mit den Raubkatzen. Jeden Samstag und Sonntag gab es Aufführungen. Unter der Woche konnten die Besucher den Dompteuren beim dressieren der Tiere zuschauen.

Unter den Dompteuren war auch der heute weltbekannte René Strickler. «Ich habe meine Karriere in Romanshorn gestartet», sagt er. «Der Zoo war für Nachwuchsdompteure <die> Anlaufstelle in der Schweiz.» Es habe ja keine Schule für Raubtierdressur gegeben. «Karl Künzler war ein Unikum», sagt er. Nach seinem Engagement in Romanshorn trat Strickler im Circus Knie, in Mallorca und sogar Australien auf.

Elefanten reisten mit der Fähre

Sein Beruf verlangte von Karl Künzler, dass er oft im Ausland war, um Tiere zu erwerben. «Eines Tages habe ich einen Anruf bekommen. Es seien neun Elefanten mit der Fähre angekommen», sagt Elsi Künzler. Ihr Mann sei auf Reisen gewesen. Weil sie nicht wusste, was tun, habe sie ein Gatter genommen, um die Tiere abzuholen, und sie so in den Zoo gebracht. Durch die berufsbedingten Abwesenheiten ihres Mannes hat hauptsächlich Elsi Künzler den Zoo geführt. Sie hat Lamas und Tigerbabies mit der Flasche grossgezogen. Und manchmal auch den Raubtierdompteuren geholfen. «Die Raubkatzen mochte ich immer. Angst hatte ich nie», sagt die 82-Jährige. So habe sie für eine Nummer von Dompteur Jürg Jenny jeweils das Pferd gehalten. Ein Tiger sollte auf dem Tier reiten. «Pferde sind nicht einfach, die wollen ja immer davonrennen», sagt sie. Passiert sei nie etwas. «Nur einmal hat mich der Panter mit seiner Pranke am Finger erwischt», sagt sie. Die Folge: eine Blutvergiftung. «Mehr nicht.»

Der Umgang mit den Raubkatzen war im Zoo Romanshorn locker. «Ich weiss noch, als die Zoobesucher und mein Mann nichts Besseres zu tun wussten, als im Käfig mit den Löwen Bier zu trinken», sagt Elsi Künzler kopfschüttelnd. Auch ein nächtlicher Anruf ist der Zoobetreiberin in Erinnerung geblieben. «Die Polizei sagte, eine Raubkatze sei ausgerissen. Doch unsere Tiere waren alle da.» Dennoch sei ein Raubtier unterwegs gewesen. «Tatsächlich hat mein Mann auf einem Campingplatz einen Geparden eingefangen.» Das Tier gehörte einer Privatperson, erinnert sie sich.

Diese sorglosen Zeiten waren aber 1975 vorüber. «Mein Mann erlitt einen Herzinfarkt», sagt Elsi Künzler. «Und irgendwie hat er danach das Interesse am Zoo und am Tierhandel verloren.» Also habe sie die Geschäfte übernommen. Das war aber nicht alles: In dieser Zeit begann auch die finanzielle Misere des Zoos. Die Vorschriften des Eidgenössischen Veterinäramtes für Tierhandel und Tierhaltung wurden verschärft. Deren Umsetzung führte den Zoo in einen finanziellen Engpass. Selbst der extra zur Rettung des Zoos gegründete Verein konnte den Lauf der Dinge nicht aufhalten.

Ein langer Winter und ein nasser Frühling rissen ein Loch in die Betriebskasse. So gab Elsi Künzler im Juli 1977 bekannt, dass sie den Zoo Ende Jahr schliessen werde – endgültig. «Ich hatte die Nase voll», sagt sie. «Wir haben dann die Tiere nach und nach verkauft.»

Der Zoo-Gründer Karl Künzler mit einem Schimpansen im Arm.

Der Zoo-Gründer Karl Künzler mit einem Schimpansen im Arm.

Dompteur René Strickler startet seine Karriere im Zoo Romanshorn.

Dompteur René Strickler startet seine Karriere im Zoo Romanshorn.

Besucher des Romanshorner Zoos teilen im Löwenkäfig ihr Bier mit den Raubkatzen. (Bilder: pd)

Besucher des Romanshorner Zoos teilen im Löwenkäfig ihr Bier mit den Raubkatzen. (Bilder: pd)