Auf den Spuren von Herrn Wepf

Sie kennen Herrn Wepf nicht? Aber sie kennen vielleicht das «Thurgauerlied», die inoffizielle Landeshymne der Thurgauer, die bei jeder vaterländischen Zusammenkunft gerne gesungen wird.

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Sie kennen Herrn Wepf nicht? Aber sie kennen vielleicht das «Thurgauerlied», die inoffizielle Landeshymne der Thurgauer, die bei jeder vaterländischen Zusammenkunft gerne gesungen wird.

Und eben dieser Herr Wepf hat nach der Überlieferung das «O Thurgau, du Heimat» komponiert. Dieses Lied soll übrigens erstmals aufgeführt worden sein, als 1855 die Bahn von Winterthur nach Romanshorn eingeweiht wurde.

Der weitgehend unbekannte Komponist war Lehrer Johannes Wepf aus Müllheim im Thurtal, jahrzehntelang Vikar an der thurgauischen Volksschule. Hie und da tauchen allerdings Zweifel auf: War Johannes Wepf wirklich der Komponist, dem dieser «grosse Wurf» gelungen war? Oder hat er die Melodie zum «Thurgauerlied» vielleicht gar irgendwo bei einem grossen Komponisten entliehen? Man traute es ihm wohl gar nicht zu.

Viel eher bekannt ist der Textdichter Bornhauser – allerdings nicht der Pfarrer Thomas Bornhauser, sondern der schwindsüchtige Junglehrer Hans Ulrich Bornhauser aus Weinfelden, der leider schon in ganz jungen Jahren verstarb. Es ist ein bewegender Augenblick, im Thurgauer Staatsarchiv das schlichte, handgeschriebene Büchlein mit dem Original-Gedicht in Händen zu halten.

Wer sucht, der findet

Zwei heutige Zeitgenossen, ein Meister der Gitarre und ein interessierter Ortshistoriker, haben sich aufgemacht, der Biographie und dem Werk dieses vergessenen Komponisten Johannes Wepf nachzuspüren. Schicht um Schicht von Wepfs Leben haben sie freigelegt. Archive wurden durchstöbert, elektronische Suchmaschinen in Betrieb genommen, Musikantiquariate und Stätten von Wepfs Wirken aufgesucht, bis sich allmählich das Bild einer Persönlichkeit rundete und Wepfs Leben und sein Schaffen Gestalt annahmen. Vieles ist zwar im Verlaufe der Jahrzehnte wohl unauffindbar verlorengegangen. Trotzdem waren die Recherchen immer noch reich genug an Überraschungen.

Zum Vorschein kam eine eher tragische Lehrergestalt, die in grossen Teilen typisch war für das 19. Jahrhundert, als sich die Schule den höheren Ansprüchen der Neuzeit stellen musste und die ganze Gesellschaft umgeschichtet wurde. In einem ähnlichem Spannungsfeld hat sich auch der Musiker Johannes Wepf bewegt. Das gesellige, häusliche Musizieren wurde immer mehr von einem leistungsorientierten, komplexe Musik favorisierenden Konzertwesen verdrängt.

Ein überraschender Fund

In einem deutschen Antiquariat tauchten überraschend sämtliche von Wepf herausgegebene Gitarrenliederbücher wieder auf, in denen viele Kompositionen und Liedtexte unseres Autors zu finden sind. Es gelang auch nach und nach, seine Chorliederbücher wieder aufzustöbern. Ein ungeheuer reicher Fundus an originellem Liedgut, insgesamt dürften es wohl etwa 1000 Gesänge sein, die dieser fleissige Dorfschullehrer in seinem Leben entweder selber komponiert oder für verschiedene Gesangsbesetzungen bearbeitet und mit nicht geringem Erfolg veröffentlicht hatte. Und wissen Sie, dass Wepfs Lieder sogar in Flandern und weit in den deutschen Landen gesungen wurden? Vom späteren Ruhm seines «Thurgauerliedes» allerdings hat Wepf zu Lebzeiten kaum viel gespürt.

Die Veranstaltung im alten Kornhaus am Romanshorner Hafen greift einzelne Bereiche wie Puzzlesteine heraus und fügt sie in unkonventioneller Art ein in den dazu passenden biographischen, zeitgeschichtlichen wie gesellschaftlichen Kontext. So entsteht mit Wort und Musik ein lebendiges, facettenreiches Bild von einer schillernden Thurgauer Persönlichkeit in einer Zeit grossen gesellschaftlichen Wandels.

Die musikalische Präsentation des gefundenen Liedgutes erfolgt durch hochqualifizierte Musiker. Die bekannte Sopranistin Asako Motojima aus Japan (sie studierte in Wien und Basel) wird zusammen mit dem Romanshorner Gitarristen Christoph Jäggin Beispiele aus Wepfs weitgehend unbekanntem Liedgut interpretieren.

Die aussergewöhnliche Veranstaltung im Rahmen der Museumsgesellschaft Romanshorn wird ermöglicht durch einen Beitrag aus dem Lotteriefonds des Kantons Thurgau und durch weitere Sponsoren.

PS: «Vom Thurgau, der Heimat und was Lehrer Wepf sonst noch besungen hat.» Eine historisch-musikalische Spurensuche. Freitag, 3. Oktober, um 19 Uhr im Kulturraum des alten Zollhauses am Hafen in Romanshorn. Kollekte zur Deckung der erheblichen Unkosten. Ausführende: Asako Motojima, Sopran, Christoph Jäggin, Gitarre, Max Tobler, Chronist.

Max Tobler

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