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ARBON/ROMANSHORN: Der Aufstand des Oberthurgaus

Im Thurgau tobt ein veritabler Kulturkampf. Die Lautstärke der Oberthurgauer könnte ein Indiz sein, dass ihre Argumente nicht gleich gut seien wie die eigenen. Klar, dass jemand so reagiert, der fürchten muss, er könnte etwas verlieren.
Max Eichenberger

ARBON/ROMANSHORN. Im Thurgau tobt ein veritabler Kulturkampf. Die Lautstärke der Oberthurgauer könnte ein Indiz sein, dass ihre Argumente nicht gleich gut seien wie die eigenen. Klar, dass jemand so reagiert, der fürchten muss, er könnte etwas verlieren. Das tut offenbar der Frauenfelder Stadtpräsident Anders Stokholm, der sich an das Historische Museum klammert. Muckt der Oberthurgau mal auf und bringt er sich selber auch ins Spiel, wird das fast schon als Majestätsbeleidigung empfunden.

Das wäre ja noch schöner, wenn die Untertanen im fernen Osten in dreister Manier den in mancher Hinsicht privilegierten und mit allerlei Institutionen schon reichlich gesegneten Hauptstädtern etwas wegnehmen würden! Weil sie eben auch gerne ein kleines Stück von diesem grossen Frauenfelder Kuchen haben möchten.

Dazu schicken sie sich keinesfalls überfallartig an, den Frauenfeldern einen Zacken aus der Privilegien-Krone zu schlagen. Denn mit Verlaub: Der Standort des Historischen Museums, das derzeit noch im Schloss Frauenfeld untergebracht ist, steht offiziell zur Disposition. Und die Karten werden darum neu gemischt.

Und wenn ein Kuchen neu zu verteilen ist, dann kann es schon mal vorkommen, dass sich Städte ausserhalb der Metropole regen und nicht nur um kleine Brosamen betteln, sondern durchaus selbstbewusst auftreten und wohlbegründete Ansprüche anmelden, wie das Arbon und mit Abstrichen Romanshorn tun – Orte mit mindestens so viel Geschichte und geeigneten Lokalitäten, wie Frauenfeld sie bietet.

So ist Arbon mit seinen jungsteinzeitlichen Siedlungen in der Bleiche und 5500 Jahren dokumentierter Geschichte immerhin Unesco-Weltkulturerbe. Auch die Römer waren hier, aber nicht in Frauenfeld, das bis 1230 noch ein weisser Fleck auf der Landkarte war. Und welcher Ort steht repräsentativer für die Verkehrsgeschichte als der Knotenpunkt und Brückenkopf Romanshorn?

Was hat Frauenfeld zu bieten? Eine muffige Stadtkaserne, wo 2021 Ende Feuer sein wird, nicht als Armeemuseum, wovon sie nicht weit entfernt wäre, sondern ernsthaft als Standortalternative für das Historische Museum. Berührungsängste wären vorprogrammiert: Kaum ein Pazifist oder Militärdienstverweigerer täte da – auch nach einer Umnutzung – einen Schritt über die Schwelle. Als Umkleidekabine für den zivilen Frauenfelder Marathon kostet es schon genug Überwindung, ist bei null Grad Kälte draussen aber alternativlos. Ein Gebäude behält seine Geschichte und kann nicht aus seiner Haut schlüpfen!

Geschichte, die über viele Epochen etwa das Schloss Arbon birgt und dokumentiert. Aber eine Geschichte, für die es die stimmige Hülle in einem historischen Zentrum für ein kantonales Museum böte. Über Monate war Arbon sozusagen schon ein offenes historisches Museum, als nämlich der Frauenfelder Amtsarchäologe Urs Leuzinger bei den jüngsten Ausgrabungen vor zwanzig Jahren das Leben der Arboner Frühsiedler in der Bleiche erforschte. Und seine Basler Kollegin sogar nachweisen konnte, was diese auf dem Speisezettel hatten.

Oder wenn es denn mehr die neuere Geschichte sein soll, was der kantonalen Arbeitsgruppe vorschwebt, die über dem Museumskonzept brütet: Was würde sich dafür besser eignen – auch räumlich für moderne Ausstellungskonzepte –, als die mächtige ehemalige Saurer-Webmaschinenhalle im Werk Zwei, dort, wo jetzt gerade neue Stadtgeschichte gebaut wird? Halle und Ort stehen für die Industrialisierung, für Urbanität im Wandel, für Ablösung, auch für Arbeiter- und Sozialgeschichte. Mit den Arboner Zeitfrauen hätten wir schon ein ständiges Theater zu bieten. Da verblassen die mageren Argumente der Frauenfelder: Nur vom unverdienten Bonus der Hauptstadt zu zehren oder die Nähe zum Ballungsraum Zürich in die Waagschale zu werfen, ist zu dürftig.

Arbon und Romanshorn am Bodensee sind das Herz der Euregio. Und verkehrsmässig abgekapselt, wie das die Hauptstädter glauben machen, ist der Oberthurgau nicht: Seit 1855 immerhin schon fahren Züge an den Bodensee. Und wir haben mit Altenrhein näher einen Flughafen bei uns als Frauenfeld mit Zürich bei sich. Wenn wir Oberthurgauer dann endlich unser kantonales Museum haben werden, wenn der Geschichte Gerechtigkeit widerfährt, wird die Apfelkönigin den aus Richtung Frauenfeld anreisenden Besuchern am Bahnhof Weinfelden einen Apfel reichen – wovon es übrigens im Oberthurgau auch mehr gibt als im westlichen Kantonsteil.

Fazit: Es ist an der Zeit, dass zentrale Macht bröckelt und sich der Horizont weitet, der am Bodensee besonders gross ist. Mit Bob Dylan haben die Oberthurgauer Museum-Streiter neuerdings auch einen wortgewaltigen Botschafter: The Times they are a-changin'. Auch im Thurgau.

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