ARBON: Vom Wandel der Vaterrolle

Früher waren die Väter distanzierter, die jüngeren sind zugewandter. Das zeigt ein Projekt auf, bei dem Altersheimbewohner und Schüler sich an ihre Haupternährer erinnern.

Mark Riklin
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Ein knappes Dutzend der Be- wohner, die im Haus Alma der Stiftung Seevida wohnen, tauschen sich im Speisesaal über ihre Vätergeschichten aus. Die Frage nach dem eigenen Vater weckt Erinnerungen an frühere Zeiten. Ein paar Wochen später sitzen die Geschichtenspender Schulter an Schulter mit Jugendlichen der SBW Futura Romanshorn, die sich ebenfalls mit ihren Vätergeschichten beschäftigt haben. Gespannt warten über fünfzig Gäste auf die Lesung, die in Kooperation mit der Fachstelle für Kinder-, Jugend- und Familienfragen und «Familien Ostschweiz» stattfindet: Anna Schindler und Matthias Flückiger verleihen je acht ausgewählten Vätergeschichten eine professionelle Stimme.

Krähen zum Mittagessen

Zunächst stehen Vätergeschichten aus den 30er-, 40er- und 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts im Zentrum. Es herrscht Krieg, die Lebensmittel sind knapp. Vater und Sohn schiessen im Seemoosholz Krähen, um etwas zu essen zu haben. Sie werden gerupft, dann als «blutte» Krähen nach Hause getragen und in den Backofen geschoben. Danach folgen Geschichten der jungen Generation. Immer wieder ist von gemeinsamen Abenteuern die Rede: wie Vater und Sohn Wind und Wellen trotzen und ihr Schiff unter schwierigsten Bedingungen auf Kurs zu halten versuchen; wie Vater und Tochter mit dem Motorrad über Pässe fahren und sich in die Kurven legen.

Über achtzig Jahre liegen zwischen den einzelnen Vätergeschichten. Vieles hat sich in diesem Zeitraum verändert, auch die Rolle des Vaters. «In den Geschichten der älteren Generation dominieren strenge, distanzierte Väter, die es noch nicht gewohnt sind, über Gefühle zu reden, und möglichst schnell im Keller oder in der Garage verschwinden, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommen», sagt Tanja Cugovcan, Pflegedienstleiterin der Stiftung Seevida. «In den jüngeren Geschichten verändert sich das Verhältnis zwischen Nähe und Distanz», sagt Nadine Susewind, Leiterin der SBW Futura Romanshorn, der Vater werde immer präsenter und greifbarer.

Mark Riklin

arbon@thurgauerzeitung.ch

www.vaetergeschichten.ch