ARBON: Sie züchten afrikanisches Getreide

Das Projekt «Heks Neue Gärten» hat in der Stadt Fuss gefasst. In Schrebergärten am See wachsen jetzt auch afrikanische Pflanzen. Volontär Ueli Toxler ist begeistert von dieser Idee, Migranten sozial zu integrieren.

Maria Keller
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Ueli Troxler, Gadissa Aultita Bikila und Habtu Mesfun in den Schrebergärten des Heks beim Durchgangsheim. «Sorghum» und «Noug» sind nur zwei der exotischen Pflanzen, die gezüchtet werden. (Bild: Maria Keller)

Ueli Troxler, Gadissa Aultita Bikila und Habtu Mesfun in den Schrebergärten des Heks beim Durchgangsheim. «Sorghum» und «Noug» sind nur zwei der exotischen Pflanzen, die gezüchtet werden. (Bild: Maria Keller)

Maria Keller

maria.keller@thurgauerzeitung.ch

Seit elf Jahren gibt es das Projekt «Neue Gärten», das das Heks (‹Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz›) ins Leben rief. Die Idee entstand in Basel, heute ist das Programm schweizweit an 26 Standorten vertreten. Ziel ist die «Integration von Migranten verschiedener Nationalitäten in die Schweizer Gesellschaft», wie es in dem Projektbeschrieb heisst. Dafür pachtet das Hilfswerk Familiengärten und betreibt diese mit den Migranten. Ein solcher Schrebergarten befindet sich beim Asylheim an der Romanshornerstrasse. Freiwillige unterstützen dort die Migranten aus aller Welt bei der Gartenarbeit. Nach seiner Pensionierung war Ueli Troxler von Bekannten auf das Projekt aufmerksam gemacht worden. Seit zweieinhalb Jahren arbeitet er dort nun bereits.

Die Gartenparzelle steht seit drei Jahren für die Migranten zur Verfügung. Dort betreiben insgesamt zehn Immigranten zusammen die Gärten. Darunter sind auch drei Familien. Diese kommen nicht von dem danebenliegenden Asylheim, sondern erfahren von Fachstellen oder bereits teilnehmenden Bekannten vom Projekt.

Soziale Integration als eines vieler Ziele

Ziel ist es, durch die gemeinsame Arbeit Fachwissen auszutauschen und Wissen aus der alten Heimat in der neuen anwenden zu können. Migranten haben dadurch die Gelegenheit, ein soziales Netz aufzubauen und sogleich mit der deutschen Sprache vertraut zu werden. Dazu helfen auch die Schweizer Familien, die daneben eigene Gärten bewirtschaften und bei der sozialen Integration mithelfen. Diese sei enorm wichtig für die Migranten. Ueli Troxler erinnert sich an das Beispiel einer Migrantin, die durch die Zusammenarbeit und die Kontakte richtig aufgelebt sei. Dadurch habe sie auch sprachlich grosse Fortschritte gemacht. Die Kommunikation sei manchmal schwierig, stelle aber kein wirkliches Problem dar. Denn irgendwie könne man sich immer verständigen. Wenn von spezifischen Pflanzen die Rede sei, habe es schon Schwierigkeiten gegeben, die afrikanische Bezeichnung zu entschlüsseln. Nun weiss Troxler aber, dass «smsm» auf Tigrinya (gesprochen in Eritrea und Äthiopien) die Bezeichnung für Sesam ist und welche Pflanzen in der Heimat der Migranten besonders verbreitet sind.

Beide Seiten lernen voneinander

Allgemein lerne er selbst vieles von den Migranten. Beide Seiten würden profitieren. Er selbst finde den Kultur- und Wissensaustausch sehr interessant und begeistere sich für seine Arbeit. «Die Leute verstehen ihr Handwerk, sie lernen schnell und sind fleissig und kreativ, das macht Freude», sagt Troxler. Gadissa Aultita Bikila (67) kam vor fünf Jahren von Äthiopien in die Schweiz. Er flüchtete mit seiner Frau und den zwei gemeinsamen Kindern. Diese wohnen heute in Frauenfeld, er lebt alleine in Arbon. Anfangs belegte er einen Gratis-Sprachkurs, heute verbessert er sein Deutsch hauptsächlich durch die Mitarbeit im Schrebergarten. Er sei froh, hier arbeiten zu können und gleichzeitig Leute aus der Umgebung kennen zu lernen. Das Gleiche meint auch Habtu Mesfun (44), der vor drei Jahren alleine aus seiner Heimat Eritrea in die Schweiz geflüchtet ist. Mit der deutschen Sprache hat er noch Probleme, oft muss er seinen Kollegen um eine Übersetzung bitten. Dafür kennt er sich in der Gartenarbeit umso besser aus. Zu Hause war er Bauer und kann nun sein ganzes Wissen anwenden. Nebst vielen Ostafrikanern wirken in Arbon unter anderem noch Syrier und balkanstämmige Immigranten mit.

«Sorghum» und «Noug» in Arboner Schrebergärten

Die Migranten entscheiden selber, was sie anbauen. Denn in ihr persönliches Beet kommt hauptsächlich, was bei ihnen in der Heimat wächst. Erst kürzlich habe Habtu Mesfun Pflanzensamen aus dem Sudan organisiert, da sie hier nirgends erhältlich waren, sagt Troxler. Danach wurden sie hier in Arbon gesät. Bei der Führung durch den Garten sieht man einiges, was vermutlich bei den wenigsten Schweizern im Garten wächst. «Noug»(Ramtillkraut) und «Sorghum» sind nur zwei Beispiele für exotische Pflanzen, die hier gedeihen. Die Mohrenhirse «Sorghum bicolor» ist das wichtigste Getreide in Afrika. Wegen des hohen Temperaturanspruches der meisten Pflanzen müsse immer geschaut werden, ob der Anbau hier überhaupt möglich ist, sagt Troxler. Vieles funktioniere aber mit dem Fachwissen der Migranten sehr gut.

Internationale Gartenparty mit Selbstgekochtem

Die Ernte verwenden die Migranten hauptsächlich daheim zum Kochen. Manchmal kochen sie auch für die Nachbarn. Erst gerade habe eine Gartenparty stattgefunden, sagt Troxler: «Ich staune, wie viel sie verwerten. Sie kochen mit Pflanzen, die für uns als Unkraut gelten.» Eine Einheimische habe durch einen Migranten eine neue Getreideart entdeckt, die sie nun trotz ihrer Zöliakie essen könne.

Der Stolz ist spürbar, wenn Habtu Mesfun mit seinem Handy alle Pflanzen fotografiert, um sie seinen Verwandten zu zeigen. «Die werden dann überall in der Welt herumgeschickt», sagt Troxler lachend. Anfangs hatte er selbst noch Zweifel an dem Gelingen des Projekts, da die Gärten mit Unkraut überwuchert gewesen seien. Seine Zweifel wurden aber schnell beseitigt. Mittlerweile gebe es sogar eine Warteliste von interessierten Immigranten. Das Projekt wird also mit Sicherheit eine Zukunft haben.